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Kirchen raus aus den Schulen!

Eigentlich bin ich ein sehr toleranter Mensch. Aber als meine Tochter bei ihrer Einschulungsfeier „Er hält die Welt in seiner Hand“ singen und anschließend gesegnet werden sollte, wäre ich beinahe aufgestanden und gegangen. Für mich hat Gott nichts in einer öffentlichen Schule zu suchen. Der Staat sollte seine weltanschauliche Neutralität wahren und die Glaubensfreiheit schützen.

Religionsfreiheit beinhaltet auch die Freiheit, keiner Religion anzugehören

In einem demokratischen Land, wie Deutschland, herrscht Religionsfreiheit. Das heißt, ich kann meinen Glauben frei wählen. Ich kann ohne Angabe von Gründen und relativ komplikationslos aus der Kirche austreten. Ich kann in eine neue Glaubensgemeinschaft eintreten oder eine eigene gründen. Ich brauche auch gar keiner Religion angehören. Eltern können ihr Kind taufen lassen, müssen es aber nicht. Ich bin nicht getauft. Meine Kinder auch nicht. Mein Mann ist vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Wir sind also keine Christen im Sinne der Kirche. Und wir sind das nicht zufällig, sondern aus Überzeugung.

Dabei ist die Religionsfreiheit nicht einfach nur ein Gesetz, sondern ein Menschenrecht, das im Grundgesetz festgeschrieben ist. Nach Art. 3 darf niemand wegen seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich (Art.4). Außerdem legt das Grundgesetz die Trennung von Staat und Kirche fest. Eine „Staatskirche“ gibt es nicht (Art 140). Der grundsätzlichen Trennung von Staat und Kirche widerspricht allerdings der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Er muss daher ausdrücklich im GG als „ordentliches Lehrfach“ (Art.7, (3)) geschützt werden. Nach Art. 140 GG darf aber niemand „zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit oder zur Teilnahme an religiösen Übungen oder zur Benutzung einer religiösen Eidesform gezwungen werden.“ Aus diesem Grund darf ich als Erziehungsberechtigte, meine Kinder vom Religionsunterricht befreien (Art. 7 (2)). Religionsunterricht ist also ein individuelles Recht, keine allgemeine Pflicht. Nach dieser Logik müsste es auch ein Recht auf Religionsunterricht für alle anderen Religionen geben. Islamunterricht an öffentlichen Schulen ist aber eher die Ausnahme.

Getrennten Religionsunterricht durch eine gemeinsame Werteerziehung ersetzen

Bei der Einschulung meiner Tochter, musste ich jedoch feststellen, dass es mit der Freiheit des Glaubens (bzw. Nicht-Glaubens) an öffentlichen Schulen nicht sehr weit her ist. Zumindest hier im Rheinland, wo das Erzbistum Köln einen nicht unerheblichen Einfluss hat. Dabei haben wir uns vorsorglich nicht für die nächstgelegene Katholische Grundschule entschieden, sondern das Kind an einer weiter entfernten bekenntnisfreien Gemeinschaftsgrundschule angemeldet. Damit verbunden war die Hoffnung, dass Religion hier eine eher untergeordnete Rolle spielt. Umso heftiger war meine Bestürzung, als wir bei der Einschulungsfeier plötzlich im Gottesdienst saßen. Er fand nicht in einer Kirche statt, in die man hätte gehen können oder nicht, sondern direkt in der Schule als Teil der Einschulung. Dort richtete ein Pfarrer nicht nur nette Worte und Glückwünsche an die Kinder, sondern las aus der Bibel vor, sang mehrere christliche Lieder, wobei er das Mikrophon unter den Kindern rum gehen ließ (Hallo, Corona), betete das Vater Unser und gab zum krönenden Abschluss jedem einzelnen Kind Gottes Segen. Nein, meiner Tochter nicht. Aber ich fühlte mich dazu genötigt. Wir mussten unser Kind aktiv von einem Teil der Einschulungsfeier ausschließen. Ist das noch Gleichbehandlung? Ist ein christlicher Gottesdienst bei der Einschulung mit meinem Recht auf Religionsfreiheit vereinbar?

Schief angeguckt wurde ich auch, als ich die Tochter vom Religionsunterricht befreite. Einen Ersatzunterricht gibt es nicht. Sie hat dann eine Freistunde. Damit musste ich mich ausdrücklich schriftlich einverstanden erklären. Dabei hätte ich nichts gegen einen neutralen Religionskundeunterricht, wie es ihn beispielsweise in Niedersachsen gibt. Oder einen allgemeinen Werte- oder Ethikunterricht statt Religionsunterricht, der religiöse und nicht-religiöse Weltanschauungen gleichermaßen thematisiert. Ich würde das sogar sehr begrüßen. Laut einer repräsentativen Umfrage von 2017, sehen das zwei Drittel der Deutschen genauso. Vermutlich hätten die etwa 5,6 Millionen muslimischen Menschen, die mittlerweile in Deutschland leben, auch nichts dagegen einzuwenden. Eine gemeinsame Werteerziehung an öffentlichen Schulen wäre nicht nur integrativer und zeitgemäßer, er würde auch ganz konkret Vorurteile abbauen, damit der interkulturellen Völkerverständigung dienen und extremistischen Tendenzen entgegen wirken. Der strikt nach Konfession getrennte Religionsunterricht, entstammt dagegen einer Zeit, in der der größte Anteil der BRD-Bevölkerung der römisch-katholischen Kirche angehörte. Im letzten Jahr waren das nur noch 26,7 Prozent. Nur jeder Zweite, ist überhaupt noch Mitglied der christlichen Kirche. Missbrachsskandale, Reformunwilligkeit, kritikresistente Bischöfe, Dekadenz und unzeitgemäße erzkonservative Einstellungen, bescherten der Kirche allein im Jahr 2020 über 400 000 Austritte. Das, obwohl durch die Pandemie Ämter geschlossen und Austritte schwieriger wurden.

Als Feministin lehne ich die christliche Lehre ab

Wenn mich meine Kinder danach fragen, woher wir alle kommen, dann, finde ich, gibt es darauf keine pauschale Antwort. Auch auf die Frage, wer oder was Gott ist, können wir keine Antwort geben, die wir wissenschaftlich beweisen können. Deshalb ist die Glaubensfrage eine sehr persönliche, tief spirituelle und individuelle Angelegenheit, die nicht gelehrt werden kann. Sie muss selbst erfahren werden und selbst beantwortet werden. Darüber hinaus ist mir als Feministin der christlich-jüdische „Gott Vater“ und „Herr im Himmel“ zuwider. Der Vater als Oberhaupt der Familie ist quasi der Grundstein des Patriarchats. Eine Theologie, die den Vater zum Gott, Erzeuger und Herrscher über alles erhebt, ist die ideologische Rechtfertigung männlicher Herrschaft. Die Bibel, von Männern verfasst und verbreitet, degradiert dagegen die Mutter zur Dienerin Gottes (des Vaters). Maria ist zwar eine heilige, aber sie ist auch jungfräulich, keusch, stumm und irgendwie ohnmächtig. Zu Recht fordern Frauen seit einigen Jahren mit „Maria 2.0“ mehr Mitsprache und ein Recht auf höhere Ämter. Mit der gleichen Hartnäckigkeit weigert sich die Kirche allerdings, Frauen dieses Recht zu gewähren.

Die entscheidende Frage ist, ob eine Reform der Kirche hin zu mehr Gleichberechtigung, überhaupt mit der christlichen Lehre vereinbar ist? Denn die Bibel als Grundlage vermittelt ein hochproblematisches Frauenbild. In dieser Hinsicht, macht es kaum einen Unterschied, ob Neues oder Altes Testament. Der Mann ist der Mensch, das Ebenbild Gottes, die Frau seine „Gehilfin“. Eva, die aus der „Rippe“ Adams geschaffen wurde, ließ sich verführen, ist schuld an der Erbsünde und der Vertreibung aus dem Paradies. Das Christentum erhebt die Vater-Sohn-Beziehung zur heiligen Konstellation, die eine größere soziale, kulturelle und ökonomische Bedeutung hat, als die Mutter-Tochter-Beziehung. Kinder nehmen bis heute quasi automatisch den Familiennamen des Vaters an. Der Körper und die Sexualität der Frau werden reglementiert, tabuisiert und als unrein bezeichnet. Abtreibungen sind verboten. Wer als Familie nicht in einer heterosexuellen Ehe lebt, wird finanziell benachteiligt und diskriminiert. Während Feministinnen die gendergerechte Sprache weit oben auf die Agenda setzen und keine Gelegenheit auslassen, traditionelle Rollenverteilungen zu kritisieren, scheint sich kaum eine ernsthaft um das frauenverachtende Weltbild der Kirche zu kümmern. Ich frage mich, warum der Feminismus das Patriarchat nicht schon längst an der Wurzel gepackt hat und die Kirche an den Pranger stellt? Zu einer emanzipierten Gesellschaft passt nicht, den „Herrn“ an zu beten. Was läuft da schief?

Bildungsstätten sind ein Ort des Wissens, nicht des Glaubens

Meine Erfahrungen von letzter Woche zeigen: Die christliche Indoktrination fängt spätestens im Grundschulalter an. Wenn Eltern nicht aktiv Abstand nehmen und christliche Glaubenssätze offen hinterfragen, wird dieses Weltbild automatisch als „Wahrheit“ angenommen, internalisiert und später kaum noch reflektiert. Die Abmeldung vom Religionsunterricht ist daher nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern auch ein politisches Statement. Denn die Bundesrepublik ist eigentlich ein säkularer Staat, in der staatliche Institutionen nicht von der Kirche beeinflusst werden dürfen. Die öffentliche Schule sollte nichts oder nur in differenzierter Form mit Religion zu tun haben dürfen. Wer Religionsunterricht will, soll diesen gerne haben. Freiwillig, in der Freizeit, ohne Noten und nicht von allen SteuerzahlerInnen über den Staat finanziert. Wer einen Gottesdienst und Gottes Segen braucht, soll dafür in die Kirche gehen. Religionsfreiheit bedeutet, den eigenen Glauben in Freiheit ausüben zu dürfen. Sie bedeutet aber auch, frei von fremden religiösen Ansichten leben zu dürfen. Gottesdienste, Pfarrer, Jesus Christus, Kreuze und Religionsunterricht gehören daher nicht in öffentliche Schulen, sondern in die Kirchen selbst.

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