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„Frauen in der Politik verändern veraltete Rollenbilder“

Interviewreihe:

Mütter in der Politik

Frauen in der Politik haben es oft schwerer als ihre männlichen Kollegen. Im Bundestag haben sie mit Sexismus zu kämpfen. In der Kommunalpolitik sind sie massiv unterrepräsentiert. Noch schwieriger wird es, wenn die Frauen Kinder haben. Damit aber fließen die Interessen und Erfahrungswelten von Müttern nicht oder nur zu unzureichend in politische Entscheidungsprozesse. Über Wahlen hinaus haben Mütter nur wenig Chancen auf politische Teilhabe. Dennoch schaffen es einige Frauen Kindererziehung und Berufstätigkeit mit politischer Arbeit zu vereinbaren. Mit dieser Interviewreihe gebe ich euch einen kleinen Einblick in ihren Alltag. Schließlich möchte ich mehr Mütter dazu ermutigen, sich politisch zu engagieren.

Teil 2:

Claudia Maier (30) aus Niederösterreich, Mitglied bei den Grünen

MuG: Liebe Claudia, du bist seit 2019 Mitglied bei den Grünen in Österreich. Was hat dich persönlich dazu bewegt, in eine Partei einzutreten?

Claudia: Hauptsächlich die Fassungslosigkeit über das Geschehen in der österreichischen Politik – im Jahr 2019 war die FPÖ noch in der Regierungsbeteiligung und die Ibiza Affäre war in den Schlagzeilen. Ausschlaggebend war dann aber, als ich den Parteichef der Grünen Gramatneusiedl kennen lernte, welcher auch nicht lange zögerte und mich überzeugte, der Partei beizutreten. Ich habe seine Arbeit schon die Jahre davor über soziale Medien verfolgt und es war für mich schnell klar, wenn ich einer Gemeindepartei beitrete, dann nur den Grünen.

MuG: Seit 2020 sitzt du auch im Gemeinderat Gramatneusiedl in Niederösterreich. Wie sieht dort deine politische Arbeit aus?

Claudia: Wir, Die Grünen Gramatneusiedl, sind in der Oppositionsrolle und haben daher leider nicht so viel Eingriffsmöglichkeiten in das politische Geschehen, wie wir uns wünschen würden. Ich bin bei den Gemeinderatssitzungen dabei, sitze in einem Ausschuss und werde zu den regelmäßig stattfindenden Round Tables eingeladen. Dort kann ich Ideen einbringen und an Projekten mitarbeiten, soweit es die Regierungspartei zulässt. Die Diskussionen, die dort stattfinden, kosten teilweise sehr viel Energie, aber umso mehr freue ich mich, wenn meine bzw. unsere Projekte umgesetzt werden. Die schönere Seite meiner politischen Tätigkeit ist die Arbeit mit den Bürger*innen. Sofern nicht gerade Corona ist, halten wir regelmäßig Veranstaltungen ab, sei es um über wichtige Themen, z.B. bezüglich der Umwelt, zu informieren und zu diskutieren, um ihre Meinungen, Wünsche und Anregungen zu erfahren oder einfach für ein nettes Beisammensein. Ich freue mich schon sehr, wenn das wieder möglich ist.

MuG: Bei uns in Deutschland sind Frauen in der Kommunalpolitik massiv unterrepräsentiert. Was sind deine Erfahrungen in Österreich?

Claudia: Ebenso. Ich arbeite gerade an einem Bericht über Frauen in der österreichischen Kommunalpolitik und bei meiner Recherche sind mir hier extreme Defizite untergekommen. Frauen machen 50% der österreichischen Bevölkerung aus, in den Gemeinderäten liegt die Frauenquote im Schnitt lediglich bei 24%. Bei den Bürgermeister*innen liegt der Anteil überhaupt nur bei 9,5%! Da gibt es noch viel aufzuholen. Aber ich kann sehr gut nachvollziehen, warum viele Frauen nicht in die Kommunalpolitik wollen. Aus eigener  Erfahrung kann ich sagen, dass hier sehr viel Sexismus herrscht und man als Frau oft nicht ernst genommen wird. Man muss da echt hartnäckig sein und sich nicht unterkriegen lassen.

MuG: Du bist auch wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Forschung Burgenland, bist freiberuflich tätig als Lektorin an der FH Burgenland und hast einen 3-Jährigen Sohn. Ist es eine Sache der eigenen Einstellung oder braucht es besondere Bedingungen, um alles miteinander zu vereinbaren?

Claudia: Ganz sicher eine Sache der Einstellung. Ich liebe was ich mache und auch wenn es manchmal ein bisschen viel ist und ich mir mehr Pausen gönnen sollte, als ich es tue, es macht mir Spaß. Wenn nicht, würde ich mich daran wahrscheinlich kaputt arbeiten.
Dadurch dass ich flexible Arbeitszeiten habe und mein Sohn 50% der Zeit bei seinem Papa ist, habe ich Zeit für meine politische Arbeit. Wenn möglich, nehme ich ihn auch mit, z.B. zu Müllsammelaktionen o.ä. Noch ist er vielleicht zu jung, um zu verstehen, was seine Mama macht, aber ich hoffe sehr, dass er für sein Leben mitnimmt, dass es für Frauen bzw. Mütter genau so normal ist, Karriere zu machen, wie für Männer und umgekehrt, dass es für Männer bzw. Väter genau so normal ist, ihre Kinder zu betreuen, wie für Frauen.

MuG: Spielt deine Mutterschaft eine besondere Rolle bei deiner politischen Arbeit?

Claudia: Ja, ich vertrete natürlich ganz stark die Interessen der Mütter und Väter in der Gemeinde. Ich komme durch meine politische Tätigkeit auch immer wieder ins Gespräch mit Eltern, meistens am Spielplatz oder vor dem Kindergarten. Als Mutter habe ich selber ein gutes Bild über die Defizite, z.B. bezüglich der Kinderbetreuung im Ort. Diese Probleme trage ich dann in den Gemeinderat und versuche, Lösungen zu erarbeiten.

MuG: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Interessen von Familien politisch oft an letzter Stelle stehen. Warum ist das so?

Claudia: Weil Familien keine Lobby haben. Familien haben keine Macht und Familien bringen der Politik kein Geld. Es ist traurig, aber wahr, dass die Prioritäten vieler Politiker*innen ganz wo anders liegen.

MuG: Durch die Krise haben sich in Deutschland viele Familieninitiativen gegründet, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Wie ist das in Österreich?

Claudia: Davon habe ich hier in Österreich noch gar nichts mitbekommen.

MuG: Siehst du in der Corona-Krise auch Chancen für eine positive Veränderung?

Claudia: Der Wandel hin zu mehr Home Office und flexibleren Arbeitszeiten gibt v.a. Müttern die Chance, Job und Kinderbetreuung besser unter einen Hut zu bringen. Wenn Unternehmen diese neue Art zu arbeiten auch nach der Krise für ihre Mitarbeiter*innen aufrechterhalten, wäre das eine sehr positive Veränderung. Außerdem wurde durch die Krise deutlich sichtbar, wie wichtig die systemrelevanten Jobs für uns alle sind und wer diese Jobs hauptsächlich ausführt, nämlich Frauen. Hier fehlt mir aber leider die Wertschätzung seitens der Politik. Nur für sie zu klatschen bringt den Menschen in diesen Jobs nunmal nichts. Es müssen Maßnahmenpakete erarbeitet werden, um sie zu entlasten.

MuG: Bisher reichte die politische Teilhabe von Müttern oft nicht über Wahlen hinaus. Was braucht es deiner Meinung nach, damit Mütter mehr Einfluss nehmen können?

Claudia: Das gesellschaftliche Denken, v.a. der älteren Generation, muss sich ganz klar ändern. Mütter, die ihre (politische) Karriere verfolgen, werden schnell als Rabenmütter dargestellt. Und andererseits traut man Müttern keine Karriere zu, weil ihre Kinder ja immer an erster Stelle stehen. Ja, tun sie! Und das sollten sie für Väter auch! Ich bin ein absoluter Fan von der Spitzenkandidatin der Grünen in Deutschland und dass sie dieses Thema so bewusst und ehrlich anspricht. Solche Vorbilder sind sehr wichtig!

MuG: Angenommen mehr Mütter besäßen politische Führungspositionen. Was würde sich verändern?

Claudia: Es würde einige Steine ins Rollen bringen. Einerseits würde mehr Frauenpolitik gemacht werden und diese auch richtig. Ich erinnere mich an die Steuersenkung für Damenhygieneartikel Anfang des Jahres – es wurden Steuern für Tampons und Binden gesenkt, aber nicht für Slipeinlagen, weil der Finanzminister (wohlgemerkt ein Mann) der Meinung war, dass es sich dabei nicht um ein Periodenprodukt handelt. Da fragt man sich halt, warum man bei so einer Entscheidung keine Frauen einbindet, die schließlich wissen wie man menstruiert. Frauen in der Politik verändern außerdem die veralteten Rollenbilder in Familien. In der aktuellen Regierung haben einige Ministerinnen oder auch Parteichefinnen während ihrer Amtszeit ein Baby bekommen, deren Partner sind dann in Elternkarenz gegangen. Ich feiere jede einzelne von ihnen so sehr. Gerade Politikerinnen, die in der Öffentlichkeit stehen, können hier so viel am gesellschaftlichen Bild einer Familie ändern. Wenn es endlich normal wird, dass Männer ebenso die Kinderbetreuung übernehmen bzw. dass es hier eine gleichberechtigte Aufteilung zwischen Müttern und Vätern gibt, dann ebnet das vielen Frauen den Weg in Führungspositionen. Dass Frauen „im gebärfähigen Alter“ oftmals nicht für einen Job eingestellt werden, weil sie in Karenz gehen könnten ist Tatsache, habe ich selbst schon miterlebt. Wenn aber auch Männer „im zeugungsfähigen Alter“ in Karenz gehen könnten, werden Unternehmen hoffentlich keine Unterschiede mehr zwischen weiblichen und männlichen Angestellten machen.

MuG: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten!

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