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Buchrezension: Eine Mutter reißt aus

Was ist das für eine Frau, die ihren zweijährigen Sohn nachts alleine lässt? In „Kleine Fluchten“ zeichnet Carole Fives ein schonungslos ehrliches Portrait einer alleinerziehenden Mutter, die gelegentlich aus ihrer Rolle bricht.

„Das war keine Wohnung, es war ein Versteck. Darin versteckte sie sich nun schon seit zwei Jahren. Zwei Jahre, in denen sich die Tage um nichts anderes drehten als um das Kind, seinen Körper, sein Wohlbefinden. Zwei Jahre, abgekapselt von der Welt.“ Seit der Vater des Kindes sie verlassen hat, kämpft sich die junge Mutter durch ihren oft tristen Alltag. Allein mit einem zweijährigen Sohn, mitten in einer fremden Stadt und ohne festes Einkommen. Ihre ständigen Begleiter: Geldprobleme, Einsamkeit und das schlechte Gewissen. Dem täglichen Einerlei bald überdrüssig, erlaubt sich die Mutter kleine Freiheiten. Sobald ihr Sohn schläft, verlässt sie die Wohnung und taucht in die Nachtszene Lyons ab. Erst nur kurz und ohne sich weit zu entfernen. Doch mit der Zeit werden die Ausflüge immer länger und weiter. Bis eines Tages die Polizei vor ihrem Wohnhaus steht, als sie zurückkehrt.

Wieder ist es die Mutter, die die französische Schriftstellerin Carole Fives in den Mittelpunkt ihrer Geschichte stellt. Während sie in „Eine Frau am Telefon“ (Deuticke Verlag, 2018) das Verhältnis zwischen Mutter und erwachsener Tochter thematisiert, nimmt sie in ihrem jüngsten Roman die Perspektive einer alleinerziehenden Mutter mit Kleinkind ein. In kurzen, aber facettenreichen Alltagsszenen, nehmen Lesende Anteil am Leben der jungen Frau. Dabei blicken sie immer wieder tief in ihre Seele und kommen ihr berührend nah. Sentimentales Mutterglück findet man allerdings kaum. Doch das macht die Figur nicht weniger authentisch.

Die Probleme der Frau sind keine Fiktion, sondern etwas, was Alleinerziehe täglich und überall erleben. Dazu passt es, dass die Protagonistin keinen Namen trägt. Als eine von vielen, beobachtet man sie dabei, wie sie mit Behörden streitet. Wie sie darum kämpft, sich finanziell über Wasser zu halten. Wie sie vergeblich versucht, Kontakte zu knüpfen. Wie sie sich bemüht, ihrem Kind gerecht zu werden. Auch, wie sie von anderen Müttern verurteilt wird. Allein ihre nächtlichen Ausflüge fallen aus dem vertrauten Muster. Nachvollziehbar sind sie dennoch: „Die ersten Schritte auf der Straße. Immer dasselbe. Ihre Brust wird weiter, die Luft kann wieder zirkulieren.“

Man könnte sie durchaus als starke Frau wahrnehmen, wäre da nicht die Scham über ihre Situation und der Wunsch nach einer normalen Familie. Beinahe verzweifelt klammert sie sich an die Vorstellung, der Vater des Kindes kehre irgendwann zurück. Als allgegenwärtiges Phantom, hält er das Leben der kleinen Familie in der Warteschleife und fixiert es so in der Einsamkeit. „Eines Tages würde der Vater schon auftauchen, er würde seinen Sohn sehen wollen, etwas anderes war gar nicht möglich. Und dann müssten sie da sein, bereit für ihn.“

Das Ende hält eine unerwartete Wendung bereit, die für politischen Sprengstoff sorgt. Damit ist Carole Fives ein Roman gelungen, der scharfe Kritik an einer Gesellschaft übt, die Mütter alleine lässt. In einer Welt, in der sie kämpfen müssen, um zu überleben. Die hohe gesellschaftliche Relevanz des Themas, macht sie nicht nur für alleinerziehende Mütter, zu einer empfehlenswerten Lektüre.

Carole Fives: Kleine Fluchten
Aus dem Französischen von Anne Braun.
Zsolnay Verlag, Wien 2021.
144 Seiten, 19 Euro.

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