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Vom Mythos zum Feindbild

#regrettingmotherhood und das Bild der Mutter im Feminismus


Buchcover. Quelle: Aura-Shirin Riedel

Als ich das erste mal Mutter wurde, bekamen wir aus dem Familien- und Freundeskreis unzählige Glückwunschkarten und Gratulationen. Darunter gab es einen Satz, der mir besonders im Gedächtnis blieb: Genieße die Zeit mit dem Baby, denn sie ist so schnell vorbei. Beim Lesen dieser Worte musste ich zweimal schlucken, denn tatsächlich wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass diese Zeit endlich vorbei ging. Damals litt ich unter extremem Dauerstress.

Vor der Geburt meiner Tochter hätte ich selbst nicht gedacht, mit dem Baby überfordert zu sein. Schließlich entspricht es dem mütterlichen Mythos, dass eine Mutter immer genau wisse, was ihr Kind braucht und sie einfühlsam und gelassen darauf reagiert. Dass sie mit ihrem Baby in glückseliger Eintracht lebt. So eine Mutter schafft es mit links, Schlafdefizite auszugleichen, das Baby auf Anhieb problemlos zu stillen, es sanft zu beruhigen, sollte es mal schreien und ihm jedes Bedürfnis quasi von den Augen ab zu lesen. Nebenher schafft sie es mit der selben Selbstverständlichkeit den Haushalt zu schmeißen und eine liebevolle Partnerin zu sein. Das alles bewältigt sie problemlos alleine und fühlt sich dabei weder einsam noch unerfüllt. Schließlich ist Fürsorgearbeit und Haushaltsführung unbezahlt und damit keine richtige Arbeit. Eher Freizeit. Wer damit dennoch überfordert ist und Hilfe benötigt, gilt als unfähig. Oder sollte sich zumindest so fühlen. Und genau so fühlte ich mich anfangs auch. Rückblickend war aber das Schlimmste an dieser Zeit, nicht sagen zu dürfen: „Ich kann nicht mehr“. Einerseits, weil es niemanden gab, dem ich mein Kind anvertrauen konnte. Andererseits, weil ich mich nicht als „Versagerin“ outen wollte. Dieses Gefühl, in meiner Situation gefangen zu sein, verbunden mit Selbstzweifeln und Einsamkeit, war die reinste Folter.

Erst viel später erkannte ich, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine war. Dass Überforderung und Vereinsamung kein individuelles, sondern vielmehr ein strukturelles Problem ist. Einen großen Beitrag dazu leistete 2015 die Studie der israelischen Soziologin Orna Donath, die darin das Phänomen der Bereuten Mutterschaft erforschte. Dazu befragte sie Frauen, die es bereuen, überhaupt Mutter geworden zu sein. Mit diesem „Tabubruch“ schien die Wissenschaftlerin insbesondere in Deutschland einen Nerv getroffen zu haben. Mit dem Hashtag #regrettingmotherhood meldeten sich in der Folge viele Mütter zu Wort, die unter ihrer Mutterschaft leiden. Es wurden eine Reihe von Büchern zum Thema veröffentlicht und sogar in den Nachrichten hielt die Debatte um die Bereute Mutterschaft Einzug. Hier waren es vor allem Frauen, die um das richtige Konzept von Mutterschaft stritten. Rückblickend müssen wir jedoch feststellen, dass diese Kontroverse am Kern der Problematik von Mutterschaft vorbei ging.

Ein Grund dafür liegt in meinen Augen im populären Gender-Feminismus, den auch Donath zum Ausgangspunkt ihrer Studie machte. Er unterscheidet zwischen der Frau und der Mutter und setzt Mütterlichkeit als natürlichen Teil der Frau grundsätzlich in Frage.  Aus dieser Sicht steht die Mutterrolle selbst im Widerspruch zur weiblichen Emanzipation. Dies führt jedoch unvermeidlich zu Konflikten. Ausgehend von der Studie um die Bereute Mutterschaft versteht sich dieser Artikel deshalb als Kritik dieses feministischen Verständnisses. Zugleich bietet er einen Ansatz, um den Konflikt zwischen der Frau und der Mutter aufzulösen.

#regrettingmotherhood: Die Studie im Überblick

Ausgewählt wurden insgesamt 23 Frauen verschiedenen Alters, aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten und familiären Hintergründen. Ausschlaggebend für die Teilnahme an der Studie, war die Antwort auf die folgende Frage: „Wenn sie heute, mit Ihrem Wissen und Ihren Erfahrungen, die Zeit zurückdrehen könnten, würden sie dann noch einmal Mutter werden?“ In der Verneinung dieser Frage, sah Donath die Voraussetzung der Reue erfüllt, die im Gegensatz zu Ambivalenz in Bezug auf die Mutterschaft, als dauerhaftes Gefühl in den Müttern existiert.

“ Die Reue von Müttern über ihre Mutterschaft zeigt deutlich, dass der Muttermythos einer ewig glücklichen und zufriedenen Mutter nicht der Realität entspricht.“

Ausgangspunkt der Studie bildet die Annahme, dass Mutterschaft eine gesellschaftliche Norm darstelle, für die sich die Frauen oft gar nicht bewusst entscheiden, sondern lediglich „mit dem Strom“ schwimmen. Reue könne demnach „eine Gesellschaft dazu aufrufen, ihre Fortpflanzungspolitik und ihre Haltung zu der Verpflichtung von Frauen, Mutter zu werden, noch einmal zu überdenken.“ (S.14). Für Donath ist mit Mutterschaft daher oft eine gesellschaftliche „Überredung“ verbunden. Ihre eigene Motivation beschreibt sie in der Forderung, „dass Wahlmöglichkeiten da sein müssen, um sicherzustellen, dass mehr Frauen in der Lage versetzt werden, selbst über ihren Körper und ihr Leben zu bestimmen und ihre Entscheidungen selbst zu treffen.“ (S.254). Ziel ist es, das gesellschaftliche „Diktat zur Mutterschaft“ zu beenden und es den Frauen selbst zu überlassen, ob sie Kinder gebären wollen.

Schließlich bricht Donath mit ihrer Veröffentlichung das Schweigen über ein Tabu. Die Reue von Müttern über ihre Mutterschaft zeigt deutlich, dass der Muttermythos einer ewig glücklichen und zufriedenen Mutter nicht der Realität entspricht. An ihre Kritiker richtet sie deshalb die Frage: „Welche Folgen hat es, wenn das Bereuen der Mutterschaft zum Schweigen gebracht wird? Wer zahlt den Preis, wenn so getan wird, als gäbe es Reue nicht?“ (S.254). Die Reue von Müttern ist ein deutliches Indiz dafür, dass Mütter in unserer Gesellschaft Not leiden. Nähmen wir sie nicht ernst und erhielten damit den Muttermythos aufrecht, blieben auch die vielfältigen Probleme, die Mütter im Alltag begegnen, unter Verschluss. Deshalb ist der große Verdienst, der Donath für ihre Studie gebührt, dass sie einen Weg fand, bereuenden Müttern ein Sprachrohr zu geben. Motiviert durch die anschließende Debatte in den sozialen Medien, meldeten sich erstmals Frauen zu Wort, die in Bezug auf ihre Mutterschaft unter ambivalenten Gefühlen leiden. Die durch ihre Kinder nicht glücklicher, sondern unglücklicher wurden. Endlich mussten sich diese Frauen nicht mehr dafür schämen oder sich schlecht fühlen, dass sie unter ihrer Mutterschaft leiden. Für sie bedeutete die Debatte einen Befreiungsschlag für ihre Gefühle.

Quantitativ unterstützt wurde die Debatte außerdem durch die Ergebnisse einer Studie der Wissenschaftler Rachel Margolis und Mikko Myrskylä vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock . Sie ergab unter Auswertung des sozio-ökonomischen Panels (SOEP), dass rund 60 Prozent aller Eltern nach der Geburt ihres ersten Kindes unglücklicher sind als vorher. Demnach sind unglückliche Mütter keine bedauerlichen Einzelfälle.

Die Studie aus patriarchatskritischer Sicht

Für Donath ist das Grund genug, die Gesellschaft dazu aufzufordern, den „Gebärzwang“ für Frauen zu lockern und weibliche Lebensentwürfe außerhalb von Mutterschaft als gleichwertig anzuerkennen. Donath selbst ist eine Frau, die Mutterschaft für sich ausschließt. Ihre Forderung mag legitim und nachvollziehbar sein. In einer Demokratie muss sich jedes Individuum frei entfalten dürfen und darf nicht durch gesellschaftliche Stigmatisierungen daran gehindert werden. Dies trifft für Frauen, die keine Mütter werden wollen oder können, genauso zu, wie auf sozial benachteiligte Kinder, die dennoch ein Recht auf höhere Bildung haben. Natürlich hat Donath recht, wenn sie sagt, dass jede Frau über die Folgen ihrer Entscheidungen Bescheid wissen müsse und frei von gesellschaftlichem Druck darüber bestimmen solle, ob sie Kinder in die Welt setzen möchte. Natürlich käme alles andere einem Zwang gleich, der weder im Sinne der Frau/Mutter noch in dem des Kindes liegen kann. Können wir es also mit der Forderung auf diese Art der Wahlfreiheit beruhen lassen?

Weil „Wahlfreiheit“ immer wieder als feministische Argumentation dient, ist es sinnvoll zunächst einmal näher darauf einzugehen. Wahlfreiheit setzt nämlich mindestens zwei Bedingungen voraus, die überhaupt erst eine Auswahl aus verschiedenen Möglichkeiten erlauben. Einerseits müssen Individuen über alle möglichen Optionen Bescheid wissen und diese reflektieren können. Auf diese Bedingung der Wahlfreiheit hat es offensichtlich auch Frau Donath mit ihrer Studie abgesehen. Sie wollte ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür schaffen, dass Frauen Lebensentwürfe haben können, die außerhalb von Mutterschaft liegen. Mir liegt es fern, den Frauen diese Freiheit der Wahl abzusprechen. Problematisch wird es jedoch, wenn man Wahlfreiheit nur unter diese eine Bedingung stellt. Sie setzt aber auch noch etwas anderes, nicht weniger wichtiges voraus. Nämlich die Gleichwertigkeit der Alternativen. Das heißt, dass wirkliche Wahlfreiheit nur dann besteht, wenn nicht eine der Auswahlmöglichkeiten zum Nachteil für die betreffende Person führt. Es ist jedoch offensichtlich, dass Mutterschaft mit einer ganzen Reihe von Nachteilen für die Frauen verbunden sind, die sich, zumindest für die Gruppe bereuender Mütter, nicht mit ihren Vorteilen aufwiegen lassen.

Die Folgen dieser vermeintlichen Wahlfreiheit, können wir in Deutschland gut beobachten, einem Land, wo der gesellschaftliche „Gebärdruck“ weniger auf den Frauen lastet. Hier „trauen“ es sich immer weniger Frauen zu, ein oder gar mehrere Kinder zu bekommen oder können es sich schlicht nicht erlauben. Die gesellschaftlichen Probleme, die sich daraus ergeben, sind immens. Schon heute führt der demografische Wandel, in dem immer weniger junge Menschen eine immer älter werdende Gesellschaft finanzieren müssen, unser Sozialsystem an seine Belastungsgrenze. An diesem Punkt stellt sich außerdem die Frage, ob die propagierte Kinderlosigkeit nicht auch unsolidarisch jenen Frauen gegenüber ist, die die „Bürde“ der Kindererziehung auf sich nehmen und damit der Gesellschaft einen großen Dienst erweisen. Wäre es unter diesen Aspekten nicht viel zielführender gewesen, Frau Donath hätte die „Bereute Mutterschaft“ zum Anlass genommen, Gemeinsamkeiten heraus zu arbeiten und die teils würdelosen Bedingungen von Mutterschaft an den Pranger zu stellen?

„Es geht ihr weniger darum, es den Müttern „leichter“ zu machen, als vielmehr darum, den gesellschaftlichen „Gebärzwang“ zu kritisieren.“

Tatsächlich bringt die Soziologin in ihrem Buch „#regrettingmotherhood. Wenn Mütter bereuen“ Reue mit den sozialen Bedingungen von Mutterschaft in Verbindung. Das letzte Kapitel lautet jedenfalls vielversprechend: „Mütter – Subjekte: Was uns Reue über die Lage von Müttern sagen kann“. Dort fragt sie zu Beginn: „Hängt es nur von den Umständen ab, ob Mutterschaft als zufriedenstellende und wertvolle Erfahrung erlebt wird?“ Ist es also, so fragt Donath weiter, ausschließlich eine Frage der äußeren Bedingungen, ob sich eine Mutter mit der Mutterschaft anfreundet? „Man möchte meinen, die direkte Antwort wäre „Ja“.“ Schließlich identifiziert Donath selbst vor allem drei Faktoren: „das Tauziehen zwischen Mutterschaft und Beruf, die unzureichenden finanzielle Versorgung und das fehlen systematischer Unterstützung durch den Partner oder das private Umfeld.“ (S. 228/229)

Hier hätte ihr Buch in einer Kritik dieser drei Faktoren enden können, um Bereute Mutterschaft durch die Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen zukünftig vermeiden zu können. Darum geht es Donath aber offensichtlich nicht. Es geht ihr weniger darum, es den Müttern „leichter“ zu machen, als vielmehr darum, den gesellschaftlichen „Gebärzwang“ zu kritisieren. Um dieses Ziel nicht zu gefährden, braucht sie hingegen den Beweis, dass Mutterschaft selbst das Problem ist, und nicht ihre Bedingungen. Daher ist sie im Weiteren darum bemüht, diese Bedingungen argumentativ zu relativieren. Einerseits nimmt sie hierbei an, dass die Vorstellung der Mütter, ideale Bedingungen haben zu können, selbst ein Grund für Unzufriedenheit sei. Andererseits gäbe es Frauen, die die Mutterschaft an sich „als unerträglich“ empfinden. Warum die Mütter so empfinden, bleibt allerdings offen. Ein weiteres Argument, sieht sie in jenen Frauen, zu denen sie selbst gehört, die „unter allen denkbaren Umständen keine Mütter sein [wollen]“. Jedoch steht diese Ablehnung nicht im Verhältnis zur Mutterschaft selbst, da sie ihr ja offensichtlich voraus geht. Vielmehr hat sie einen ideologischen Hintergrund, der in Donath´s gesamter Studie zum Ausdruck kommt. Paradoxerweise lässt sie mit dieser Ansicht schließlich genau jene Gesellschaft „vom Haken“, wie sie es selbst formuliert, die Mütter mit ihren Problemen allein lässt, ja diese sogar erst erzeugt und verschärft.

Die Mutterschaft als Konflikt

Dass Donath die Mutterschaft selbst problematisiert und nicht ihren gesellschaftlichen Rahmen, ist Teil der populären feministischen Theorie. Ihr liegt die Auffassung zugrunde, dass „Mann“ und „Frau“ keine eigene Natur besäßen, sondern begreift Geschlecht vielmehr als eine soziale Kategorie. Der sogenannte Gleichheitsfeminismus unterscheidet dabei zwischen Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht). Demnach sind Eigenschaften und Fähigkeiten, die einem Geschlecht zugeordnet werden, das Ergebnis stereotyper Zuschreibungen und hat nichts mit biologischer Veranlagung zu tun. Darunter fallen vor allem auch mütterliche Eigenschaften, die mit dem weiblichen Geschlecht verbunden werden. Im Patriarchat wird Mütterlichkeit abgewertet und dazu missbraucht, die Frauen ins gesellschaftliche Abseits zu manövrieren. Daraus folgte eine reflexhafte Ablehnung aller weiblich-mütterlichen Zuschreibungen im Feminismus. Feministinnen, die in der Tradition von Simone de Beauvoir stehen, trieben diese Ablehnung derart auf die Spitze, dass die Mutter selbst zum Feindbild stilisiert wurde. Gleichzeitig wurde die „männliche Freiheit“ zur Grundlage feministischer Emanzipationsbestrebungen erklärt. Die Achillesferse dieses Gleichheitsbegriffes bleibt jedoch die alleinige Gebärfähigkeit der Frau. Im Ergebnis stehen Frauen im Konflikt – oder besser im Kampf – mit ihrem eigenen Körper. Das Konfliktfeld zwischen Mann und Frau wurde auf diese Weise nicht gelöst, sondern vielmehr in die Frau selbst hinein verlagert und zwar in dem Moment, in dem sie Mutter wird.

Indem der Feminismus die Mutter zum Feindbild erklärt, erklärt er ihr Gegenstück, den Vater, zum Ideal.“

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb Donath das Problem weiblicher Freiheit in der Mutterschaft selbst verortet. Damit aber verschärft sie den Konflikt zwischen der Frau und ihrer „inneren“ Mutter weiter. Mütterliche Liebe und Verbundenheit zum Kind ist nach dieser Ansicht der Inbegriff weiblicher Unterdrückung. Auf diese Weise führen Feministinnen seit Jahren einen ideologischen Kampf gegen unsere Kinder. Nach dieser Ansicht ist Mutterschaft und Mütterlichkeit nicht der Gegenentwurf zum Patriarchat, sondern vielmehr sein Produkt. Ein Instrument zur Unterdrückung der Frau. Doch im Kampf gegen die eigene Körperlichkeit gerät der Feminismus in eine trügerische Falle. Da sich die Frau nicht tatsächlich von ihrem Körper trennen lässt, ist weibliche Freiheit und Gleichheit aus dieser Perspektive nur als Utopie denkbar. Im Gegenteil: In der Ablehnung ureigenster weiblicher Erfahrungen, die eine Mutterschaft mit sich bringen, unterdrücken sich die Frauen selbst. Denn ein feministischer Freiheitsbegriff, der nicht die Freiheit weiblicher Erfahrungen meint, sondern der einer männlicher Freiheit entspricht, frönt dem Patriarchat in seiner reinsten Form. Indem der Feminismus die Mutter zum Feindbild erklärt, erklärt er ihr Gegenstück, den Vater, zum Ideal.

Die Frau als Mutter

Das Dilemma aber auch die Lösung des Problems im Feminismus steckt daher meines Erachtens in der „Mutterfrage“. Um einen (künstlichen) Konflikt zwischen der Frau und der Mutter zu vermeiden, dürfen wir nicht fragen, ob die Frau eine Mutter ist. Die Frage lautet deshalb auch nicht, was ist es, was die Frau unterdrückt, sondern vielmehr: Was ist es, was die Mutter unterdrückt? Patriarchat wird oft als „Männerherrschaft“ verstanden, bedeutet aber wörtlich „Herrschaft des Vaters“ mit dem Vater als Familienoberhaupt. Die soziale Ordnung der Familie ist sozusagen der Kristallisationspunkt des Patriarchats. Dem Vater steht aber nicht die Frau entgegen, sondern die Mutter, die zusammen mit ihrem Kind die kleinste gesellschaftliche Einheit bildet.  Oft wird so getan, als ob es die Fürsorgepflichten wären, die den Frauen ihrer Freiheit berauben. Kein Kind verlangt jedoch von seiner Mutter, es in den eigenen vier Wänden zu stillen oder zu wickeln. Das Kind kann nicht wissen, dass seine geliebte Mutter einen oft sehr anstrengenden Job macht, der weder bezahlt noch gewürdigt wird. Kein Kind ist daran Schuld, dass Erwerbsarbeitsunterbrechungen oder Teilzeitarbeit strukturell-ökonomische Nachteile mit sich führen. Und am aller wenigsten kann das Kind ein Interesse daran haben, dass seine Mutter mit ihm völlig alleine gelassen wird. Das alles sind vielmehr die Bedingungen der Fürsorge, die das patriarchale System an die Mütter stellt.

„Es sollte gerade nicht die Aufgabe des Feminismus sein, Frauen in ihrem Selbstwert zu schwächen. „

Werden die wahren Hintergründe verschwiegen und statt dessen so getan, als ob die widrigen Umstände von Mutterschaft wiederum „naturgegeben“ seien, so erzeugt das Gefühle von Wut und Hass, welche die Mütter auf sich selbst projizieren. Diese Spirale dreht sich so weit, dass manche Mütter sogar bereuen, überhaupt Mütter geworden zu sein. Dass sie schließlich bereuen, als Frau zur Welt gekommen zu sein. Es sollte jedoch gerade nicht die Aufgabe des Feminismus sein, Frauen in ihrem Selbstwert zu schwächen. Vielmehr sollte er sie darin bestärken, Weiblichkeit auszuleben, auf ihr Frau-Sein stolz zu sein und ihr dabei helfen, die Elemente ihrer Unterdrückung zu identifizieren. Sie statt dessen von ihrem Selbst zu trennen, um sie dem Manne gleicher zu machen, kommt einer Kapitulation des Feminismus gleich.

Die patriarchale Mutter befreien

Rückblickend hätte ich mein Baby selbstverständlich mehr genießen wollen, doch dazu hatte ich kaum eine Gelegenheit. Dafür braucht es nämlich Unterstützung und Anerkennung, gerade beim ersten Kind. Dafür braucht es auch Sicherheit und Gemeinschaft. Es ist ein Irrglaube, die Mutter allein sei dazu in der Lage, um ein, oder oft sogar gleich mehrere Kinder gleichzeitig, groß ziehen zu können.  Meist hat nicht einmal der Vater die Möglichkeit, die Mutter zu unterstützen, selbst wenn er wollte. Gehen wir in unserer Kulturgeschichte zurück, bemerken wir aber, dass Kindererziehung in der Vergangenheit immer Aufgabe der gesamten Gemeinschaft war. Die Fürsorgepflichten wurden auf mehrere Schultern verteilt und die Mutter von Anfang an entlastet. Heute lebt sie jedoch in einer Art „Isolationshaft“ innerhalb der individualisierten Kleinfamilie. Die darin lebende Mutter zur Hausfrau zu degradieren, die mit ihrem Baby zu Hause bleiben müsse, ist Teil des patriarchalen Muttermythos. Diese Art des Aufwachsens ist jedoch weder Mutter- noch Kindgerecht.

Wie wir gesehen haben, ist es jedoch nicht nur der mütterliche Mythos, der die vermeintlich unfähigen Mütter verzweifeln lassen. Der populäre Feminismus hat in einer Art Überreaktion die fürsorgliche Mutter zum Feind für die weibliche Freiheit stilisiert. Indem er Mütterlichkeit ablehnt, kreiert der Feminismus einen künstlichen Konflikt zwischen der Frau und ihren mütterlichen Gefühlen. Das führt dazu, dass sich Frauen in ihrer Mutterrolle unwohl fühlen, ja es sogar als ungerecht empfinden, überhaupt Mutter werden zu müssen. Schließlich entsteht damit auch eine emotionale Distanz zum Kind, die die Mutter-Kind-Bindung stark belasten kann. Diese feministische Sicht auf die Mutter ist daher nicht nur eine Sabotage an sich selbst, sondern auch eine an der Liebe zum Kind.

Nicht zuletzt sind es natürlich auch die Anforderungen des Arbeitsmarktes, die den Genuss an der Mutterschaft erheblich einschränken. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der ökonomische Druck, der auf jeder Mutter lastet, das Ergebnis einer Familienpolitik ist, die weniger den Bedürfnissen der Familie dient, als vielmehr ihrer Konformität an den Markt. Seine „Bedürfnisse“ stehen denen der Familie allerdings diametral entgegen, woraus die Schwierigkeit der Vereinbarkeit entsteht. Ein wahrer feministischer Gedanke wäre es deshalb, die Regeln des Marktes an die Bedürfnisse der Mütter bzw. ihrer Familien anpassen zu wollen und nicht umgekehrt. Gut möglich, dass damit auch viele unserer anderen gesellschaftlichen Probleme gelöst werden könnten.

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