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Die Kapitulation

In diesen Tagen muss man sich im Hinblick auf die Coronapolitik verwundert die Augen reiben. Als Mutter schulpflichtiger Kinder fragt man sich gar, in welchem Psychofilm man eigentlich gerade gelandet ist? Dabei wird der Film mit jeder Szene gruseliger und die (An-)Spannung größer. Und man weiß es schon: Diese Geschichte wird kein gutes Ende nehmen.

Während Bund und Länder bereits wieder von Öffnungsperspektiven sprechen, erfasst uns die Omikron-Welle mit unfassbarer Wucht. In Teilen Deutschlands liegen die Inzidenzen der Altersgruppe U15 inzwischen bei über 5000. Diese Dimensionen haben jegliches Verhältnis zu vorangegangenen Wellen verloren. Dennoch wird nichts dagegen unternommen. Es scheint, als lebten vor allem Familien derzeit in einem Paralleluniversum. Das Gefühl vollkommener Irrelevanz für politische Entscheidungen hat sich im Laufe der letzten Tage noch einmal dramatisch verfestigt.

Gleichzeitig kommt das flächendeckende Einstellen von Tests, Meldungen und Kontaktnachverfolgungen einer Kapitulation gleich. Es wird nicht einmal mehr der Versuch unternommen, irgendwie den Überblick und die Kontrolle zu behalten. Das Bild einer schwenkenden weißen Flagge gegenüber einem schier unbesiegbaren Gegner, drängt sich unweigerlich auf. Nachdem wir uns zwei Jahre lang mit aller Kraft, Millionen von Impfungen und einer Menge Geld gegen dieses Virus gestemmt haben, geben wir uns jetzt einfach geschlagen. In der Hoffnung, die Niederlage möge irgendwie zu bewältigen sein.

Dass wir nun völlig allein gelassen werden, in einer Situation, in der es kaum noch möglich ist, sich vor einer Infektion zu schützen, ist besonders bitter für jene, die die Regierung in den vergangenen Jahren gegen Verharmloser und Querdenker verteidigt haben. Während jene, die das Virus von Anfang an als Erkältung abtaten und jede Schutzmaßnahme als Diktatur empfanden, sich nun mehr denn je bestätigt fühlen. Das Ergebnis ist ein nachhaltiger Vertrauensverlust eines weiteren großen Teils der Bevölkerung in die Politik. Ein Spiel mit dem Feuer. Man muss es so deutlich sagen: Diese Regierung hat nach nur wenigen Wochen im Amt in Sachen Pandemiebekämpfung komplett versagt.

Natürlich ist es wichtig die Intensivstationen im Blick zu behalten und nicht allein auf die Inzidenz zu schauen. Auch die Impfung trägt offenbar einen Teil zur Entspannung bei. Dabei wird aber vergessen, oder besser bewusst ausgeblendet, dass COVID19 eben nicht nur eine vorübergehende Erkältung ist. Schätzungen sprechen von zehn bis 40 Prozent der Infizierten, bei denen langanhaltende Probleme des Herz-Kreislaufsystems, sowie des Nervensystems auch bei „milden“ Verläufen auftreten. Eine Infektion kann sogar zu chronischer Erkrankung führen. Bei 130 000 Neuinfektionen (Stand 25.01.22) pro Tag, sind das täglich bis zu 52 000 Menschen allein in Deutschland, die womöglich nicht mehr so gesund werden, wie vorher. Nicht zuletzt steigt insbesondere bei Kindern das Risiko für Autoimmunkrankheiten, wie etwa PIMS. Dazu kommt jetzt: Werden Coronavirus-Infektionen nun nicht mehr beim Gesundheitsamt gemeldet, haben Betroffene mit Folgeschäden keinerlei Ansprüche bei der Unfallkasse.

Das alles wird nun aber achselzuckend in Kauf genommen. Und das obwohl vor allem Kinder noch kein ausreichendes Impfangebot hatten. Ganz anders sah es aus, als es noch um den Schutz der Älteren ging. Da wurde Kindern sogar verboten, auf den Spielplatz zu gehen. Sie durften weder in Schule und in den Kindergarten, noch sich privat mit Freunden treffen. Geschweige denn an Sport- oder Kulturangeboten teilnehmen. Dass das psychische Folgen haben wird, dafür muss man nicht studiert haben. Das alles mussten Kinder zum Schutz der Erwachsenen hinnehmen. Doch nun, wo es vor allem um ihren Schutz geht, wird verharmlost, weg geschaut oder mit fadenscheinigen Argumenten dagegen gehalten.

Wer dabei absolut jedesmal zwischen die Fronten gerät: die Mütter. Sie können nicht einfach kapitulieren. Jetzt, wo es nichts mehr zu gewinnen gibt, müssen sie weiter die Stellung halten und fühlen sich damit einsamer denn je. Indem sich die Politik einmal mehr aus der Verantwortung verabschiedet, erhöht sie den Druck auf die Familien. Fehlende Schutzkonzepte in Schule und Kita sorgen bei steigenden Inzidenzen für eine immer größere Zahl isolierter Familien. Gleichzeitig wird es immer schwieriger das Kind mit gutem Gewissen in die Einrichtung gehen zu lassen. Diese unsichere Situation ist für Mütter (und natürlich auch viele Väter) gerade eine zusätzliche große Belastung. Auch für Kinder hat sie psychische Auswirkungen. Wir hangeln uns alle eigentlich nur noch von Test zu Test, in der Hoffnung, dass es uns nicht erwischt, und wenn, dann nicht schwer. Gleichzeitig nimmt der Leistungsdruck in Schule und Beruf nicht ab. Das Versprechen offener Schulen zum Wohle der Kinder, ist vor diesem Hintergrund mehr als zynisch. Die vorsätzliche Tatenlosigkeit verhindert vielmehr guten Unterricht, als dass es ihm nützt. Inzwischen sind in manchen Schulen nur noch weniger als die Hälfte der SchülerInnen tatsächlich im Klassenraum.

Aus all dem folgen für mich drei Erkenntnisse:

  • Das Virus lässt sich kaum durch moderne Technologien aufhalten. Aus diesem Grund war und ist es falsch, alles auf eine Karte zu setzten und die Lösung allein in der Impfung zu suchen. Sie schützt den Einzelnen vor schweren Verläufen, aber der Schutz ist nicht vollständig und nicht nachhaltig. Vor allem schützt sie nicht vor Infektion und der Ausbreitung des Virus. Allein die Diskussion um eine Impfpflicht ist im Hinblick auf die bewusste Durchseuchung des Rests der Bevölkerung schlicht absurd. Man kann nicht einserseits von Öffnungen und Normalität sprechen und andererseits einen zunehmend radikalen Teil der Bevölkerung zu einer Schutzmaßnahme zwingen, die im Grunde nur sie selbst betrifft. Sie wäre wahrscheinlich auch gar nicht umsetzbar.

 

  • Kinder sind die ersten, die sich für die Erwachsenen einschränken müssen und die letzten, für die sich Erwachsene einschränken lassen. Das ist derzeit für viele Familien eine wirklich bittere Erfahrung. Einst hieß es: Kinder und Frauen zuerst. Heute sollen Schulen als sogenannte „Hygienefilter“ (Yvonne Gebauer) dienen, um das Infektionsgeschehen in der jüngeren Bevölkerungsgruppe zu beschränken. In der Hoffnung auf „Herdenimmunität“, werden Kinder auf diese Weise beinahe schutzlos dem Virus ausgeliefert. Mögliche bleibende Schäden werden als Kollateralschaden in Kauf genommen, um „Normalität“ zu simulieren. Am Ende werden sich wieder vor allem die Mütter um Pflege und Therapie des Kindes kümmern müssen. Wer sonst?

 

  • Ja, wir müssen lernen mit dem Virus zu leben. Das heißt aber nicht, es einfach laufen zu lassen, wie es aktuell geschieht. Eine neue Normalität darf nicht bedeuten, die Gesundheit opfern zu müssen, keinen Schutz anzubieten oder Hilfe zu erhalten. Vielmehr müssen wir spätestens jetzt damit beginnen, die Strukturen an die Bedingungen der Pandemie anzupassen. Der Mensch, dessen Gesundheit und Wohlbefinden muss in den Mittelpunkt gestellt werden. Passen wir uns nicht an diese neuen Umweltbedingungen an, werden die Belastungen zunehmen und die Gesellschaft weiter ins Chaos stürzen. Kapazitäten müssen herauf und der Druck herabgestezt werden. Um endlich gut vorbereitet und nicht planlos, wie bisher, zukünftigen Wellen entgegen blicken können.
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