Die Corona-Lehre

Was wir aus der Corona-Krise lernen können


Es ist schon bemerkenswert, wie nur ein wenige Nanometer kleines archaisches Wesen (Harald Lesch) eine so große Wirkung auf unser modernes Leben haben kann. Keine Flutkatastrophe, kein Hurrikane und keine Dürre, noch nicht einmal die Finanzmarktkrise, haben das bisher geschafft. Das Besondere an dieser Virus-Gefahr ist, dass sie weltumspannend, rasend schnell, und unmittelbar ist. Jeder Mensch ist potenziell direkt oder indirekt von ihr betroffen und nicht einmal das kapitalistische Allheilmittel, Geld, kann uns davor bewahren. In diesen Tagen bewahrheitet sich der alte indianische Spruch, dass man Geld nicht fressen kann, wenn es darauf ankommt.

Was bei der Klimakrise noch kaum ein Politiker oder Ökonom ernst nehmen wollte, bewahrheitet sich nun auf radikal grausame Weise: Dass wir die Natur niemals vollkommen beherrschen oder kontrollieren können. Die Natur kontrolliert sich selbst und sie beherrscht uns.

Die Corona-Krise offenbart uns darüber hinaus noch einiges mehr. Sie räumt mit alten patriarchalen und neoliberalen Mythen auf und bringt die Dysfunktionalitäten und Paradoxien unserer Gesellschaft schmerzlich ans Licht. Zugleich zeigt sie uns den Weg aus der Vergangenheit in die Zukunft. Auch wenn uns höchstwahrscheinlich harte Zeiten bevor stehen, ist diese Tiefenkrise nicht nur eine große Chance, sondern vielmehr zwingend notwendig, für den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit.

Die Krise wirkt auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft entmythisierend. Im Folgenden werde ich auf einige der zentralen Glaubenssätze eingehen. Allerdings wäre es wohl unmöglich, hier alle Aspekte vollständig ab zu bilden. Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass das, was gestern noch allgemein gültig war, heute fundamental in Frage steht. Daraus lassen sich verschiedene Lehren ziehen. Ich beginne jeweils mit dem bisher gültigen:

 

  • Das Sozial- und Gesundheitswesen lässt sich marktwirtschaftlich optimieren

Dieser Glaubenssatz des Neoliberalismus ist der wahrscheinlich tödlichste Irrtum in dieser Krise. Ein gewinnorientiertes Gemeinwesen ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern kostet uns in Zeiten, wie diesen, viele Menschenleben. Die fehlenden personellen und strukturellen Kapazitäten innerhalb der Krankenhäuser sind direkt auf ihre Ökonomisierung zurück zu führen. Während die Bertelsmann-Stiftung noch im vergangenen Jahr dafür plädierte, die Hälfte aller Krankenhäuser in Deutschland zu schließen, stellt sich jetzt heraus, welche katastrophalen Folgen eine Reduzierung der Kapazitäten hat. Dabei stehen wir im Vergleich zu anderen Ländern noch relativ gut da.

Was wir lernen ist, dass Gesundheit und Soziales nicht in privatwirtschaftliche Hände gehört. Es muss der Allgemeinheit in ausreichendem Maß und unabhängig von individuellem Einkommen zur Verfügung stehen. Es muss auch in Krisenzeiten über Reserven verfügen, die der Staat garantiert.

 

  • Globalisierung funktioniert

Ups, da sind uns mal eben innerhalb weniger Tage die wichtigsten Handels- und Lieferketten weg gebrochen. Die vielfältigen und komplexen Zusammenhänge der globalisierten Wirtschaft haben große Abhängigkeiten geschaffen, die sie in der Krise sehr verletzlich machen. Aber nicht nur Produkte aus dem Ausland fehlen, sondern auch Arbeitskräfte. Bauern haben keine Erntehelfer-innen mehr und Pflegebedürftigen fehlen die Pfleger-innen. Es droht nicht nur in Krankenhäusern der Pflegekollaps.

Was wir lernen ist, dass lokale Produktionen mit kurzen, nachvollziehbaren Lieferketten nicht nur umweltschonender und gesünder sind, sondern auch gegenüber Krisen widerstandsfähiger. Die Suche nach den maximal günstigsten Produktions- und Dienstleistungskosten erweist sich in Krisenzeiten als maximal teuer.

 

  • Bildung braucht Schulanwesenheit

Etwas, was in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern zur Normalität gehört, ist in Deutschland fast schon revolutionär: Das Lernen von zu Hause. Die Schulanwesenheit als Voraussetzung für Bildung gehört hierzulande zu einer der hartnäckigsten Mythen. Die Schulpflicht wird daher nur selten hinterfragt und kritisiert. Dahinter steckt der Glaube, dass Kinder zum Lernen gezwungen werden müssten, damit sie auch wirklich etwas lernen. In Wahrheit verhält es sich jedoch anders herum. So lange Schule eine Zwangsanstalt ist, in der Kinder faktisch ihrer Freiheit beraubt werden und in der sie faktisch kein Gestaltungs- und Mitspracherecht erhalten, wird sie als das gesehen und erlebt, was sie im Grunde ist: Ein Gefängnis.

Was wir lernen ist, dass Kinder dank des digitalen Wandels im Zweifel auch von zu Hause aus lernen können. Die Schulanwesenheit ist für den Lernerfolg zweitrangig. Ist Schule keine Pflicht, sondern eine Möglichkeit für Bildung, dann wird die Qualität zwangsläufig steigen müssen. Am Ende werden Schüler dann auch wieder gerne dorthin gehen.

 

  • Erwerbsarbeit findet außerhalb des Hauses statt

Auch das ist trotz der vielfältigen digitalen Möglichkeiten und trotz des Rückgangs analoger Berufe immer noch der Standard in Deutschland. Jahrzehntelang haben wir unzählige Stunden mit oft kilometerlangen Arbeitswegen verbracht und wertvolle Zeit in hunderten von Staus verschwendet, bis ein Virus uns zwang, zu Hause zu bleiben. Und plötzlich merken wir: Es geht auch anders. Natürlich ist die Umstellungsphase nicht reibungs- und komplikationslos. Aber auch hier werden technologische Möglichkeiten, die es schon lange gibt, endlich erkannt, genutzt und weiterentwickelt.

Was wir lernen ist, dass Heim und Arbeitsplatz nicht kilometerweit auseinander liegen müssen, um produktiv arbeiten zu können. Durch die Möglichkeiten des digitalen Wandels erleben wir eine Renaissance der vorindustriellen räumlichen Verschmelzung von Erwerbsarbeit und Haushalt. Damit wird auch der Trennstrich von Öffentlichkeit und Privatleben zunehmend verwischt.

 

  • Die Kleinfamilie ist das Ideal

Die räumliche Isolierung, zu der uns das Virus zwingt, macht uns schmerzlich bewusst, wie vereinzelt unsere Gesellschaft ist. Dabei ist freilich die Größe des Haushalts ausschlaggebend für den Grad der Isoliertheit. Die extremste Form stellen die Einpersonenhaushalte dar, deren Angehörige zur Einzelhaft verurteilt werden. Dagegen sind die Zweigenerationenhaushalte, also die Kleinfamilien, die die Norm darstellen, enorm überlastet. Nicht nur der Rückgang sozialen Austauschs macht zu schaffen, sondern auch die fehlende Betreuungsunterstützung, die Homeoffice zur Herausforderung macht. Dabei trifft es Alleinerziehende besonders hart. Dazu kommt das höhere Risiko von häuslicher Gewalt durch psychische Belastungen.

Was wir lernen ist, dass kleine Haushalte unter normalen Bedingungen zwar freier und flexibler sind, aber auch sehr fragil. In Krisenzeiten, wenn das dünne Netz der Unterstützung komplett weg bricht, bricht auch das ganze System zusammen. Die Fragmentierung unserer Gesellschaft in immer kleinere Einheiten spüren wir jetzt in ihrer extremsten Form. Jene, die in mehreren Generationen oder in Wohngemeinschaften unter einem Dach wohnen, sind nun klar im Vorteil.

 

  • Einkommen muss an Erwerbsarbeit gekoppelt sein

Ein Mantra des Neoliberalismus lautet, dass Einkommen an „Leistung“, also an der Arbeit am Arbeitsmarkt, gekoppelt sein muss. Problematisch wird diese Ansicht, wenn nicht mehr genügend Erwerbsarbeit für einen großen Teil der Bevölkerung zur Verfügung steht. Ökonomen warnen schon lange, dass diese Kopplung in Krisenzeiten die Kaufkraft noch weiter reduziert und die Krise weiter verschärft. Aber auch der allgemeine Rückgang von Normalerwerbsarbeit durch Automatisierung und Digitalisierung macht das „leistungsgebundene“ Einkommen zum Problem. Darüber hinaus werden jene bestraft, die gesellschaftliche Leistung außerhalb des Arbeitsmarktes erbringen, beispielsweise durch unbezahlte Care-Arbeit. Frauen werden dadurch besonders diskriminiert.

Was wir lernen ist, dass heute mehr denn je die politisch kontrollierte Entkopplung von Erwerbsarbeit und Einkommen ansteht. Die gesellschaftliche Akzeptanz eines Bedingungslosen Grundeinkommens, war selten höher. Eine Realisierung, in welcher Form auch immer, rückt plötzlich in greifbare Nähe. Ausgerechnet die Hochburg des Neoliberalismus, die USA, geht mit dem Vorschlag des sog. „Helikoptergeldes“ voran.

 

  • Männliche Berufe sind wertvoller als weibliche Berufe

Wie viele bildungspolitische Programme haben in den vergangenen Jahrzehnten versucht, Mädchen von typischen Männerberufen zu überzeugen? Zwar wurde aus dem anfänglichen „Girls Day“ irgendwann der „Girls and Boys Day“, aber das vorrangige Ziel blieb, mehr Frauen beispielsweise in die MINT-Berufe zu bekommen. Ich kann mich dagegen an keine ernsthafte politische Initiative erinnern, die Jungs für den Pfleger- oder Erzieherberuf begeistern wollte. Warum sollte „Mann“ sich auch dafür entscheiden? In diesen Berufen sind die Menschen oft außergewöhnlich stark belastet, die Arbeitszeiten sind schlecht, das Ansehen gering und über die Bezahlung brauchen wir erst gar nicht reden. Die sozialen Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, sind skandalös unterbewertet.

Was wir lernen ist, dass in Krisenzeiten, wenn es tatsächlich um Leben oder Tod geht und wir auf die Grundessenzen des Lebens zurück geworfen werden, die sozialen und versorgenden Berufe unverzichtbar sind. Nicht der Immobilienmakler, der Ingenieur, der Informatiker, der Kaufmann oder der Firmenmanager sind jetzt besonders gefragt, sondern jene, die andere versorgen. Wir merken endlich, wie kostbar Fürsorge für den Erhalt unseres Lebens und der gesamten Gesellschaft ist.

 

  • Wirtschaftsinteressen stehen über allem

Das ist vielleicht die außergewöhnlichste und weitreichendste Erkenntnis, die die Corona-Krise enthüllt: Die politische Mär, von der heiligen Wirtschaft, die selbst die drohende Klimakatastrophe nicht antasten konnte, wurde im Angesicht der Corona-Epidemie über Nacht über Bord geworfen. Unsere politischen Vertreter mussten eine schicksalhafte Entscheidung treffen: Entweder der Gesundheitskollaps oder der Wirtschaftskollaps. Doch die Geschichte zeigt, dass die Gesundheit nur selten über die Wirtschaft gestellt wurde. Im Gegenteil: Erbarmungslos hat der Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten in einem gewaltigen Ausmaß Leben zerstört – fast bis zu einem Punkt der völligen Selbstauslöschung. Doch selbst eine Umweltkatastrophe ist für die politischen Verantwortlichen und jenen, die hinter ihnen stehen, noch zu abstrakt, um sie ernst zu nehmen. Vielleicht auch, weil sie sich dank finanzieller Mittel in einer trügerischen Sicherheit wiegten. Doch einem Virus ist es egal, wie viel jemand auf dem Konto hat. Es kann jeden treffen, überall auf der Welt. Und es konfrontiert alle Menschen mit der gleichen Angst. Dies hat uns zu der paradoxen Situation der „vereinigenden Isolation“ geführt. Wir sind räumlich maximal voneinander getrennt, während wir emotional maximal verbunden sind.

Was wir lernen, ist etwas Revolutionäres! Das Dogma des heiligen Kapitals ist durchbrochen! Die Erkenntnis, dass Geld und Profit nicht alles sind, erschüttert unser Wirtschaftssystem in seinen Grundfesten. Plötzlich merken die Menschen, dass die Welt nicht unter geht, wenn die Wirtschaft leidet. Natürlich wird es für viele Menschen eine schwere Zeit bedeuten. Doch was nützt mir ein sicherer Job, wenn ich Todkrank werde? Im Angesicht des Todes, erhält das Leben eine völlig neue Bedeutung. Auch Freiheit, Familie und Freundschaft werden eine Aufwertung erfahren. Diese Offenbarungen werden so nachhaltig sein, dass die Welt nach Corona nicht mehr dieselbe sein wird.

Fazit: Die Corona-Krise ändert unser Leben und unseren Alltag tiefgreifend und lädt uns gleichzeitig ein, neue Perspektiven ein zu nehmen und Prioritäten neu zu setzten. Sie birgt vielfältige Chancen gesellschaftlichen Wandels und ist die direkte Einladung zur ökologischen Wende. Sie nicht an zu nehmen und keine Lehren daraus zu ziehen wäre nicht nur extrem dumm, sondern auch grob fahrlässig. Denn im Vergleich zum Klimawandel, ist dieses Virus wirklich harmlos.

7 comments / Add your comment below

  1. Toller Text!
    Nur als kleine Korrektur: Ein Virus ist viel weniger als „wenige Millimeter“ groß!

    Coronaviren besitzen eine Größe zwischen 120 und 160 nm (Nanometer!)
    https://www.rtl.de/cms/gesundheitslexikon-coronavirus-virusfamilie-coronaviridae-4047614.html

    1 nm = 10−9 m = 0,00 00 00 00 1 m = 0,00 00 01 mm
    100 nm = 0,00 00 00 1 m = 0,00 00 1 mm
    (kann auch eine Null mehr oder weniger sein.. aber jedenfalls nicht „wenige Millimeter“…

  2. Super Text, spricht mir voll und ganz aus dem Herzen.
    Eine Ergänzung hätte ich noch:
    Der Umgang mit Tieren muss ein besserer werden. Auch dies könnten wir aus der Krise mitnehmen. Er muss es schon aus einfachen ethischen Gründen und ergänzt die Forderungen des Textes sehr gut, wie ich finde. Und ganz konkret ist das Virus ja vermutlich aus dem Zusammenpferchen der Tiere in diesen unsäglichen asiatischen Fleischmärkten entstanden (unsere Schlachthöfe und die Industriealisierung der Tierhaltung ebenso wie weitere Tierausbeutung etwa in Tierversuchen natürlich auch nicht zu vergessen). Andere schlimme Seuchen wie die Pest oder Ebola sind wohl auch in ähnlicher Weise zur Menschheit gelangt.

Schreibe einen Kommentar zu Katharina Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.