All Care statt Equal Care

Warum Geschlechterrollen nicht das Problem sind


Anlässlich des kommenden Equal Care Day´s am 29.02.20 und der zugehörigen Konferenz in Bonn, an der ich auch teilnehmen werde, möchte ich auf ein Missverständnis zum Thema „Care-Arbeit“ aufmerksam machen.

Klar ist: Nicht etwa Lohnunterschiede sind hauptsächlich für die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verantwortlich, sondern die ungleiche Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit. Die erst kürzlich veröffentlichte Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam hat es ausgerechnet: Weltweit leisten Frauen und Mädchen täglich weit mehr als 12 Milliarden Stunden unbezahlte Haus- Pflege- und Fürsorgearbeit. Würde man ihnen für diese Arbeit den Mindestlohn zahlen, so die Studie weiter, wären das umgerechnet ca. 11 Billionen US-Dollar pro Jahr. Ein Wert, der das weltweite Vermögen der Superreichen übersteigt. Was wir hier erstmals Schwarz auf Weiß haben, trifft so ziemlich den Kern patriachal-kapitalistischer Machtverhältnisse.

Was folgt nun aus diesen Erkenntnissen? Neben einer Umverteilung von Reichtum, durch Steuerreformen und höheren öffentlichen Investitionen fordert Oxfam und andere feministische Gruppen politische Anreize, diese Arbeit innerhalb von Familien gerechter zu verteilen. Ich möchte an dieser Stelle der Sinnhaftigkeit einer Gleichverteilung von Sorgearbeit grundsätzlich nicht widersprechen. Dennoch greift diese Forderung in meinen Augen zu kurz. Die Geschlechterrollendiskussion verstellt uns den Blick für eine viel grundsätzlichere Problematik. Sie stellt nämlich nicht die Ausbeutung von Sorgearbeit in Frage, sondern nur wer sie verrichtet. Was wir aber tatsächlich brauchen, ist eine Diskussion darüber, ob es überhaupt richtig ist, dass diese Arbeit gratis verrichtet werden muss. Wir brauchen also vielmehr eine Wertedebatte, die danach fragt, welche Tätigkeiten für die Gesundheit des Menschen sowie für die Gesellschaft insgesamt als unabdingbar und wertvoll gilt und in welcher Form wir sie dafür anerkennen.

Natur vs. Kultur

Dennoch ist es an dieser Stelle wichtig danach zu fragen, warum es mehrheitlich Frauen sind, die diese Arbeiten verrichten? Warum schuften sie tagtäglich in Bereichen ohne Lohn und ohne gesellschaftliche Anerkennung? Selbst in westlichen Kulturkreisen, in denen Frauen rechtliche Gleichberechtigung genießen, sind sie es, die sich hauptsächlich um Heim, Kind und Oma kümmern. Warum hat gleichberechtigter Zugang zum Arbeitsmarkt nicht auch automatisch zu einer gleicheren Verteilung von Sorgearbeit geführt? Sind Frauen zu „manipuliert“ oder schlicht zu dumm, dass sie sich derart ausbeuten lassen? Und was ist eigentlich mit den offensichtlich unwilligen Vätern los? Warum halten sich Geschlechterrollen überhaupt so hartnäckig in der Gesellschaft, auch nach Jahrzehnten des feministischen Kampfes?

In der Vergangenheit hat sich der Feminismus darauf beschränkt, die geschlechtliche Arbeitsteilung als ein soziales Phänomen zu begreifen. Das Geschlecht wird als gesellschaftliches Konstrukt entworfen, dessen Fähigkeiten und Eigenschaften durch kulturelle Aushandlungsprozesse „inszeniert“ werden. Der Hang zur Fürsorgearbeit bei Frauen wird demnach als Ergebnis stereotyper Rollenzuschreibungen gesehen, ohne diese Annahme auch tatsächlich empirisch beweisen zu können.

Indessen wird der Versuch, Geschlechtsunterschiede durch natürliche Veranlagungen zu erklären, oft als „Sexistisch“ oder „Biologistisch“ abgelehnt. Nehmen wir jedoch nicht den Menschen, sondern dessen Kultur, zum Ausgangspunkt von Erklärungsversuchen, fallen wir in meinen Augen einem logischen Fehlschluss zum Opfer. Eine Ursache davon ist die philosophische Trennung von Geist und Körper, wobei wir der Kultur das Geistige zuordnen und der Natur das Körperliche. Es ist heute jedoch nicht mehr nur allein eine spirituelle Gewissheit, dass Körper und Geist miteinander verbunden sind, sondern in der Medizin längst bekannt sowie durch die moderne Quantenphysik bewiesen. Wir müssen uns das Verhältnis zwischen Natur und Kultur daher als Zusammenspiel vorstellen, als Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen.

Wenn wir also die natürlichen Grundlagen von Geschlechtsunterschieden aufgrund moralischer Bedenken einfach ausblenden oder ihre Existenz überhaupt leugnen, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf“, da sie zur Legitimation von Diskriminierung herangezogen werden könnten, dann sind wir nicht nur naiv, sondern verlieren auch einen wichtigen Erklärungsansatz für menschliches Verhalten. Oder mit den Worten eines Evolotionsbiologen:

„The biological reality is there; is interpretation and implication is what humans may make of it. To deny or ignore biology for fear of it being used against gender, race, and so forth, is to lose the power and freedom of understanding” (Waage, 1997).

Paradoxerweise gehört der Glaube an den prinzipiell von der Natur losgelösten Menschen zu genau jenem Glaubenssystem, das uns heute an den Rand der Selbstzerstörung gebracht hat und allen voran von Mädchen und Frauen kritisiert und bekämpft wird. Wir können die Natur nicht ignorieren, ohne uns selbst zu ignorieren.

Biologische Grundlagen der Geschlechterrollen

Die Gretchenfrage ist, ob wir Geschlechterrollen überhaupt vollständig überwinden können? Wenn wir die Natur nicht ignorieren wollen, müssen wir anerkennen, dass wir die materielle Manifestation unseres Geschlechts durch unseren Leib nicht einfach ablegen oder überwinden können. Wir können unseren Körper zwar durch unsere Lebensweise formen. Dank moderner Medizin können wir sogar bestimmte Merkmale des Körpers einschließlich des Geschlechts umwandeln lassen. Aber eben nur auf einem künstlichen Weg. Dann sind wir stolz darauf, dass wir nicht von der Natur in irgendeiner Weise festgelegt sind. Wir bilden uns ein, es besser zu können und besser zu wissen, als Jahrmillionen der Evolution. Wir denken auch, wir könnten die Natur beherrschen, obwohl Sie uns derzeit das Gegenteil lehrt.

Tatsächlich ist unser Denken und Handeln von einer Vielzahl endokrinologischer Vorgänge beeinflusst. Dabei ist das Geschlecht von ausschlaggebender Bedeutung, welche Gehirnstrukturen sich entwickeln und welche Hormone sich in welcher Konzentration in unserem Körper befinden. Studien zeigen, dass bereits Ein- bis Zweijährige Kinder geschlechtsspezifisch auf bestimmte Situationen reagieren. Lange bevor sie sich überhaupt mit ihrem Geschlecht identifizieren und gemäß einer sozialen Rolle verhalten können. Beobachtungen zeigen außerdem, dass Mutter-Kind-Interaktionen bzw. erzieherisches Handeln weniger vom Geschlecht, als vielmehr vom Temperament und der Persönlichkeit des Kindes abhängen. Die Vorstellung einer einsinnig kausalen Verursachung von geschlechtstypischem Verhalten muss aufgrund der vielfältigen Faktoren, die innerhalb eines interaktiven Prozesses Einfluss nehmen, revidiert werden.

Doch warum müssen sich Geschlechter nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrem Verhalten voneinander unterscheiden? Die Entwicklungsbiologin Doris Bischof-Köhler gibt uns darauf die nicht ganz überraschende, aber für das Verständnis bedeutende Antwort: Der Übergang von der äußeren zur inneren Befruchtung der Eizelle vor etwa einer halben Milliarden Jahren erzwingt eine asymmetrischen Verteilung der sogenannten parentalen Investition auf die Geschlechter. In ihrem Buch „Von Natur aus anders“ schreibt sie: „Weibchen müssen, selbst wenn sie nur Eier legen, und erst recht, wenn sie lebende Jungen gebären, einen vergleichsweise großen Investitionsaufwand pro Einzelnachkomme leisten, die Kapazität reicht daher nur für wenige Nachkommen. Das männliche Geschlecht hat zumindest theoretisch die Möglichkeit, seine Investition in kleineren Dosen auf entsprechend mehr Nachkommen zu verteilen.“ (S.111). Daraus folgt, dass Weibchen nur vergleichsweise wenige Junge haben können, die dafür von diesem möglichst gut Versorgt werden müssen. Evolutionsbiologisch gesprochen, ist „die Disposition, fürsorglich zu sein, also die Nachkommen zu füttern, zu wärmen, zu transportieren und zu schützen, […] hier mit einer erheblichen Selektionsprämie versehen. Je besser eine genetische Anlage ein Weibchen zur Brutpflege motiviert, umso mehr erhöht sich die Chance seiner Jungen, durchzukommen.“ Und umso wahrscheinlicher wird die Weitergabe dieser Disposition. Das männliche Geschlecht kann dagegen eine quantitative Fortpflanzungsstrategie verfolgen, indem es möglichst viele Nachkommen zeugt (S.112).

Inwiefern sich die Fürsorgebereitschaft auch beim Männchen entwickelt, hängt stark den sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen ab, in der sich die Mütter einer Art befinden. Wo immer sie nicht in der Lage sind, die Aufzucht allein zu bewältigen, kann männliches Fürsorgeverhalten einen Selektionsvorteil haben. Der Punkt ist allerdings, dass das männliche Geschlecht nicht zwingend darauf angewiesen ist, sich fürsorglich zu verhalten, um Gene erfolgreich weiter zu geben. Dazu passt, dass männliche Individuen auch auf genetischer Ebene in der Regel weniger zum Nachwuchs beisteuern, als weibliche. Das liegt daran, dass die Mitochondriale DNA, also das Erbgut innerhalb der Mitochondrien, die uns als zelluläre Kraftwerke die Lebensenergie liefern, überwiegend maternal vererbt werden. Also nur über die Mutter.

Selbstverständlich können wir uns in gewisser Weise von der Natur befreien und wir können auch nicht ohne weiteres vom Tier auf den Menschen schließen. Dennoch ergibt sich auch für den Menschen aus der asymmetrischen Verteilung der parentalen Investition weitreichende Konsequenzen für die sonstige Verhaltensorganisation. Dies macht sich beispielsweise  in einer durchschnittlich höheren Paarungsbereitschaft und Aggressivität von Männern bemerkbar, die sich unter einem größeren Konkurrenzdruck bei der Partnersuche befinden. Daraus ergibt sich wiederum der Hang zu Imponiergehabe und Rangordnungskämpfen, die heute innerhalb politischer und marktwirtschaftlicher Strukturen ausgetragen werden. Dagegen sind Frauen durch ihr geringeres Fortpflanzungspotenzial bei grundsätzlich höherem Energieaufwand morphologisch und motivational darauf eingerichtet, ihre Kinder nach der Geburt zu ernähren und zu pflegen. Dabei können sie es sich eher leisten, wählerisch bei der Partnersuche zu sein, da der Konkurrenzdruck weniger groß ist. Weil die Aufzucht von Menschenkindern enorm viel Energie benötigt und allein kaum zu bewältigen ist, lastet der Selektionsdruck bei weiblichen Individuen vielmehr auf ihrer Bereitschaft zur Kooperation.

Fürsorge als Vorteil denken, satt als Nachteil

Was können wir aus diesen Beobachtungen in Bezug auf die Ausgangsfrage, weshalb sich gerade Frauen durch unbezahlte Care-Arbeit ausbeuten lassen, schlussfolgern? Fakt ist, dass, evolutionsbiologisch gesehen, die Menschheit wahrscheinlich ausgestorben wäre, hätten Mütter keine Bereitschaft zur Fürsorge gezeigt. Mutterliebe ist also weniger ein vorübergehendes soziales Phänomen, als vielmehr eine existenzielle Voraussetzung für die Evolution des Menschen.  Die Mutter ist als primäre Nahrungs- und Geborgenheitsquelle zumindest für die ersten Lebensmonate des Baby´s nur begrenzt ersetzbar. Entgegen patriarchaler Muttermythen ist Kinderbetreuung allerdings nicht allein ihre lebenserfüllende Aufgabe. Im Gegenteil. Schauen wir auf die speziell bei Menschen überdurchschnittlich lange und komplexe Kindheitsphase und das umfassende Bedürfnis nach sozialer Interaktion von Menschenkindern, dann muss Fürsorge immer Aufgabe der gesamten Gemeinschaft gewesen sein, so wie es heute noch bei vielen Jäger- und Sammlerkulturen der Fall ist. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass bei den Ersatzpflegepersonen dieser Kulturen, das weibliche Geschlecht nicht nur zahlenmäßig, sondern auch im Ausmaß des Aufwands überwiegt (Bischof-Köhler, S. 150).

Davon ausgehend, dass sich die, unter selektivem Druck als erfolgreich durchgesetzten, stärker ausgeprägten Verhaltensdispositionen zur Fürsorge und Kooperation bei Frauen, nicht innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums der Moderne wesentlich veränderten, können wir geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf einen natürlichen Ursprung zurück verfolgen. Geschlechterrollen sind daher vielmehr das Ergebnis einer von der Gesellschaft überzeichneten Inszenierung anlagebedingter geschlechtstypischer Neigungen (Bischof-Köhler, S.151).

Wenn wir uns von der Vorstellung lösen, dass Fürsorglichkeit eine zugeschriebene Eigenschaft ist, um Frauen gesellschaftlich zu diskriminieren, befreien wir sie gleichzeitig von ihrer negativen Konnotation.  Wenn wir akzeptieren, dass Frauen und Mädchen aufgrund ihrer biologischen Veranlagung zu fürsorglichem Verhalten neigen, müssen wir uns nicht zwingen, uns davon frei zu machen. Daraus folgt die Erkenntnis, dass nicht Care-Arbeit an sich das Problem von Frauen ist, sondern ihr gesellschaftlicher Kontext. Statt sich also von ihr zu lösen, müssen wir es wagen, Fürsorgearbeit aus den patriarchalen Zwängen zu lösen. Konkret bedeutet das, die gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Frauen Sorgearbeit leisten, so zu gestalten, dass sie diese optimal verrichten können. Das heißt gerade nicht, sie damit alleine zu lassen, sondern im Gegenteil! „Eine Fülle interdisziplinärer Publikationen bestätigt die Tatsache, dass Mütter umso feinfühliger auf die Bedürfnisse ihrer Säuglinge und Kleinkinder eingehen, je mehr soziale Unterstützung sie erfahren, und zwar unabhängig davon, ob diese alloelterlichen Leistungen von älteren Geschwistern, Großmüttern, anderen Verwandten oder nur einem besonders interessierten Mentor erbracht werden,“ schreibt die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy in „Mütter und Andere“. Weiterhin heißt es dort, dass die mütterliche Wahrnehmung sozialer Unterstützung und das Gefühl der Sicherheit des Kindes sogar wichtiger zu sein scheinen, als die Verbesserung der materiellen Lage des Mutter-Kind-Paares. Die Unterstützung durch andere Gemeinschaftsmitglieder fördert nicht nur den Gesundheitszustand, die soziale Reifung und die mentale Entwicklung, sondern war in Wildbeutergesellschaften von zentraler Bedeutung für das Überleben von Kindern.

Das Ziel ist eine fürsorgliche Gesellschaft

Kinder brauchen also nicht nur Mütter, die sich fürsorglich um sie kümmern, sondern auch ein Umfeld, die ihre Mütter darin unterstützt. Dabei ist das Geschlecht tatsächlich irrelevant. Das können Schwestern oder Brüder, Großmutter oder Großvater, Väter, Tanten oder nahe Freunde sein. Selbstverständlich gehört dazu materielle Sicherheit, die ein unabhängiges Leben ohne Existenzangst ermöglicht. Dazu gehören auch neue Arbeitsmarktstrukturen, die sich an den Bedürfnissen der Fürsorgegemeinschaft orientieren. Arbeitszeiten müssen kürzer und flexibler werden, Lebenserwerbsverläufe dürfen unterbrochen werden. Dazu gehört, dass Mütter zusammen mit ihren Baby´s Zugang in den öffentlichen Raum erhalten. Dass Kinder und Alte dort nicht als „Fremdkörper“ wahrgenommen, sondern vielmehr willkommen geheißen werden. Dazu gehört, dass der begrenzte Rahmen, in dem das Familienleben heute stattfindet, erweitert werden muss. Dass auch das Verständnis von Familie revidiert und über die Kleinfamilie hinaus reicht.  Dass generationsübergreifendes und gemeinschaftliches Wohnen zur Normalität wird. Dazu gehört, dass Fürsorge zu einem selbstverständlichen und alltäglichen Handlungsfeld eines jeden Gesellschaftsmitglieds wird. Dass Sorgetätigkeiten nichts ist, was um jeden Preis „abgegeben“ werden muss, damit Frau nicht diskriminiert und ausgebeutet wird, sondern etwas, das sie für die Gesellschaft wertvoll macht. Dass Care-Arbeit als Lebensleistung anerkannt wird und gleichwertig neben der Erwerbsarbeit steht. Weil wir ohne sie nicht nur sozial unheimlich arm wären, sondern auch überhaupt nicht lebensfähig. Erst dann, wird es am Ende auch tatsächlich egal sein, wer sie macht.

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