Zurück auf Anfang

Mutterschaft im Patriarchat


Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden…“

 

Hast du dich schon einmal gefragt, warum die Christen an einen Vatergott glauben? Oder warum alle Weltreligionen von einem Mann begründet wurden? Warum dagegen Frauen keine, oder nur eine untergeordnete Rolle in den monotheistischen Glaubenssystemen spielen?

Damit unweigerlich verbunden sind Fragen, nach den Ursprüngen des Patriarchats und danach, warum Männer irgendwann begannen, ihre Mütter, Schwestern und Töchter zu unterdrücken? Oft wird so getan, als ob das Patriarchat schon immer Teil der menschlichen Kultur gewesen sei, quasi als ihre natürliche Ordnung. Ein (Unterdrückungs-)System als alternativlos darzustellen, erzeugt jedoch Denkverbote und lässt seine Kritiker ins Leere laufen. Vor allem der Feminismus braucht einen Gegenentwurf zum patriarchalen Gesellschaftssystem, will er es tatsächlich eines Tages überwinden. Ansonsten bleibt er nicht nur in seiner Kritik hängen, sondern verliert auch seine Berechtigung. Heute beobachten wir gar, dass sich Teile des Feminismus zur „Mittäterschaft“ (Werlhof) entschieden haben, um der Opferrolle zu entgehen. Diese Kapitulation des Feminismus, wie ich es nenne, kann nur aufgehalten werden, wenn wir patriarchale Denkverbote durchbrechen und Alternativen aufzeigen, so wie es die Frauenbewegung in ihren Anfängen schon einmal tat. Einen vielversprechenden Ansatz liefert uns die Matriarchatsforschung, die dem Patriarchat als einer der wenigen feministischen Zweige tatsächlich gefährlich werden könnte. Merkwürdigerweise führt uns die Suche nach Alternativen zurück an die Anfänge menschlicher Kulturgeschichte. Es ist die Spur einer natürlichen, egalitären und gewaltfreien Lebensweise. Die Spur zurück zur Natur und unseren Wurzeln, in denen wir uns selbst wieder finden.

Die Ursprünge des Patriarchats

Die Darstellung des Vaters als Gott und Schöpfer des Lebens ist eine konsequente Verkehrung der ursprünglichen Schöpfungsmythen menschlicher Kulturen. Weil das Leben offensichtlich aus dem Leib der Frau entspringt, ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass sich die Menschen in prähistorischen Zeiten die Natur, die Erde und den Kosmos als große Mutter vorstellten. Tatsächlich zeugen zahlreiche archäologische Funde wie den Venusfiguren und weitere weibliche Darstellungen aus der Altsteinzeit sowie mythologische Überlieferungen aus der Antike von Gott der Mutter als der allmächtigen Lebensspenderin.

„Die ursprüngliche soziale Ordnung der Menschen war das Matriarchat.“

Damit stand die Mutter und nicht der Vater, am Anfang von Religion. Von ihr wurde das Männliche und das Weibliche gleichermaßen geboren und kehrte nach dem Tod zu ihr zurück, um von Neuem wiedergeboren zu werden. Die große Urgöttin war die Alles gebärende, die Almudena, die Panagia, die Dea Mater, die Pachamama. „Die Menschen lebten aus diesem Verständnis des Lebens heraus matrifokal, d.h. die Mütter standen im Focus, im Zentrum der Gemeinschaft.“ (Armbruster 2014, S.14). Damit verbunden war eine matrilineares (lat. Mütterlinie), also rein weibliches Abstammungssystem, da Verwandtschaftsbeziehungen nur über die Geburt durch die Mutter erkannt werden konnten. In deren Mitte befand sich die Stammmutter, als der Begründerin der gesamten Sippe. Da der Zusammenhang zwischen Paarung und Geburt vermutlich noch unbekannt war, entstand die Vorstellung, die Frau könne Leben aus sich selbst heraus erschaffen. Wir begegnen dieser Jungfrauengeburt heute noch in fast allen religiösen Schöpfungsmythen, wobei ihre Bedeutung im Christentum zum Zwecke weiblicher Enthaltsamkeit verkehrt wurde.

Die ursprüngliche soziale Ordnung der Menschen war also das Matriarchat (lat. Mater arché). Legt man die ältere Bedeutung des Begriffs arché zugrunde, der „Ursprung“, „Beginn“, „Anfang“ bedeutet, heißt Matriarchat nicht „Mütterherrschaft“, sondern schlicht „Am Anfang die Mütter“. Erst später wurde die Bedeutung des Begriffs arché in „Herrschaft“ umgedeutet (Werlhof 2010). Werlhof schreibt hierzu:

„Alles Leben kommt aus irgendwelchen Müttern. Dies ist die ebenso banale, wie weltbewegende Situation auf der Erde, früher ebenso wie heute. Von hier aus sieht es dann aber plötzlich ganz komisch aus, wenn man auf einmal sagt: „Am Anfang die Väter“. Denn das hieße ja, der Lebensursprung käme aus den Vätern, bzw. Väter seien Männer mit Gebärmüttern. Erst da merkt man plötzlich, dass da etwas nicht stimmt.“ (Werlhof 2010, S.143f)

Im matriarchalen Glauben gab es weder die Trennung von Gut und Böse, noch von Materie und Geist oder von Leben und Tod. Da alles gleichermaßen aus der Urmutter entspringt und wieder zu ihr zurück kehrt, war das gesamte Leben auf der Erde durch einen Kreislauf miteinander verbunden. Hierarchien, Herrschaft und Unterdrückung waren mit diesem Verständnis nicht vereinbar.

Dagegen wird im Patriarchat aus dem „Ursprungsgeschehen“ ein Herrschaftsanspruch abgeleitet. Dabei wird „die Tatsache der mütterlichen Macht, die sozusagen von Natur aus da ist, ja sein muss, um das neue Leben zu bewahren und bis zur Selbstständigkeit zu begleiten, […] durch einen väterlichen „Herrschaftsanspruch“ [ersetzt].“ (ebd.) Weil also die Macht des Vaters und seine Autorität nicht aus den natürlichen Lebenszusammenhängen hervorgeht, muss sie gewaltsam institutionalisiert werden. Um sich theoretisch an die Stelle der Mutter setzen zu können, braucht „der Vatergott“ eine Philosophie, die die Natur als etwas dem Menschen gegensätzliches, ja feindliches, betrachtet. Ziel ist demnach die Unterwerfung der Natur und ihre Beherrschung. Werlhof geht noch einen Schritt weiter und vermutet gar ein „Projekt des Patriarchats“ (2011), welches darin bestehe, wahrhaftig an die Stelle der Schöpfung zu treten, indem man(n) die Natur bzw. die Mutter durch moderne Technologien ersetzt. Demnach bringe der Mann als Schöpfer eine Art künstlich erschaffenes Leben hervor. Weil ein vermeintliches Projekt an eine Verschwörungstheorie erinnert und daher als zu weit gegriffen scheint, muss uns aus dieser Sicht der Fortschritt in den Reproduktionstechnologien zumindest beunruhigen. Tatsächlich sind Biotechnologen auf dem besten Weg, eine künstliche Gebärmutter zu erschaffen, die heute schon an Lämmern getestet wird (https://www.n-tv.de/mediathek/videos/wissen/Forscher-testen-kuenstliche-Gebaermutter-Biobag-article19811659.html). Und erst kürzlich sorgte die Geburt des ersten genetisch veränderten Babys für Furore, das angeblich in China zur Welt kam. Mich persönlich erschrecken diese Entwicklungen auch ohne, dass dahinter ein bewusster „Plan“ oder ein „Projekt“ stehen muss. Vielleicht sind sie eher Teil eines unbewussten Prozesses. Tatsache ist, dass die Zerstörung der lebendigen Natur erbarmungslos voranschreitet und gleichzeitig eine künstliche Umwelt an ihre Stelle tritt.

Die Unterdrückung der Frau aus einer Art (unbewussten) „Gebärneid“ des Mannes zu erklären, macht jedenfalls aus psychologischer Sicht Sinn. Hinzu kommt aber auch noch eine wirtschaftliche Komponente. Denn der Vater kann nur durch die sexuelle „Verfügungsgewalt“ über die Mutter wirklich Gewissheit darüber haben, wer seine eigenen Nachkommen sind. Die väterliche Autorität ist daher im Gegensatz zur mütterlichen nie von Natur aus gegeben, sondern muss durch ein „Exklusivrecht“ am weiblichen Körper erst hergestellt werden. Im Gegenzug erhält die Frau eine verlässliche Unterstützung bei der Versorgung der Kinder und den Schutz ihrer Familie. Anders als es heute oft der Fall ist, war die Mutter in vorpatriarchalen Zeiten jedoch nicht von einer Partnerschaft mit dem Vater ihrer Kinder abhängig. Einerseits, weil die Mutter immer auch Teil einer (matriarchalen) Gemeinschaft war, in der alle Mitglieder Fürsorgepflichten für die darin lebenden Kinder übernahmen. Noch heute verbleiben in nomadisch lebenden Völkern Mutter und Kind auch nach einer Trennung vom Vater im matrilinearen Clan. Andererseits gab es damals noch keinen (ökonomischen) Besitz, wobei ein Paar auseinandergehen konnte, ohne mehr dabei zu verlieren, als die gemeinsame Beziehung (Schweder 2008, S.101).

„Indem das Patriarchat ein Weltbild erschuf, das unsere ursprüngliche Verbindung zu unserer Mutter, also auch zur Natur, trennte, machte er den Menschen blind für die Konsequenzen seines Tuns.“

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen im Neolithikum änderten sich die ökonomischen Verhältnisse jedoch dramatisch. Durch die (Über-)Produktion von Nahrung und anderen Gütern kam der Mensch in den erstmaligen „Genuss“, Besitz anzuhäufen. Ungleiche Besitzverhältnisse bergen jedoch auch das Potenzial für Abhängigkeit und Hierarchie. Und so wurde auch die Frau immer mehr zum Besitz des Mannes erklärt. „Ihr Körper und ihre Fähigkeit zu gebären, das, worauf der Mann bisher nie wirklich Einfluss gehabt hatte, sollte nun unter seine Verfügungsgewalt gestellt werden. Die weibliche Hälfte der Vereinbarung, die früher freiwillig erfolgte, wurde zu einem unverbrüchlichen Recht des Mannes erklärt […].“ (Schweder, S.105). Die Neolithische Revolution gilt deshalb heute als die Geburtsstunde des Patriarchats. Und mit ihm bildeten sich steile Rangordnungshierarchien mit ihren Herrschern und ihren Beherrschten. Es entstanden König- und Kaiserreiche, Diktaturen, Plutokratien, Oligarchien und zuletzt Eliten. Die darin enthaltenden sozialen Beziehungen sind stets durch das männliche Konkurrenzprinzip geprägt, welches wir – ja – auch in der Natur beobachten können. Als letzte Konsequenz dieses Prinzips, seiner gesellschaftlichen Bedingungen und seines Wertesystems bildete sich schließlich der neoliberale Kapitalismus als herrschendes ökonomisches System. Seine Strukturen durchdringen inzwischen nicht nur jegliche Lebensbereiche, sondern bedroht in seiner zerstörerischen Form unsere gesamte Lebensgrundlage. Indem das Patriarchat ein Weltbild erschuf, das unsere ursprüngliche Verbindung zu unserer Mutter, also auch zur Natur, trennte, machte er den Menschen blind für die Konsequenzen seines Tuns.

Mütter in der Falle

Die Mutter bildet mit der Geburt des Kindes und ihrer engen Beziehung zu ihm die Grundlage der allermeisten Familien. Heute ist die Kleinfamilie, bestehend aus Mutter-Vater-Kind, ihre normative Grundform. Die Ehe verfolgt dabei nicht nur den Zweck der Versorgung der Kinder, sondern ist immer auch die Kontrolle der weiblichen (und männlichen) Sexualität. Die eheliche Kleinfamilie gibt den Rahmen vor, in dem das mütterliche Leben erlaubt ist (Tazi-Preve 2017, S.45). Teil dieses Kleinfamilienideals ist auch das patriarchale Mutterideal. Ihm zufolge liegt die Erfüllung des mütterlichen Lebens allein in der Betreuung ihrer Kinder. Ihre Arbeit wird durch das Motiv der Liebe als selbstverständlich betrachtet, die daher keiner besonderen Befähigung bedarf. Dagegen gilt nur die entlohnte Erwerbsarbeit am Arbeitsmarkt als produktiv, die in der Vergangenheit überwiegend dem Vater oblag. Gleichzeitig gestand man der Frau keine andere gesellschaftliche Rolle zu, als die der Hausfrau und Mutter. Die Frau war damit über Jahrhunderte hinweg zwingend von Männern ökonomisch abhängig.

Im feministischen Freiheitskampf der ersten und zweiten Generation, musste es den Frauen daher zunächst um die Überwindung diskriminierender Zuschreibungen gehen. Es war ein Kampf um Teilhabe an der Gesellschaft und der politischen Macht. Dabei vermischten sich feministische Forderungen nach Gleichberechtigung mit der sozialen Frage und dem Klassenkampf. Inzwischen können Frauen unter bestimmten Bedingungen an Machtpositionen im Patriarchat partizipieren (Stichwort: Frauenquote). Außerdem erhielten sie einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt, was ihre sozial-ökonomische Abhängigkeit von Männern theoretisch verringern sollte. Dies können sie aber nur in dem Maß, in dem sie sich den Werten des kapitalistischen Patriarchats anpassen und unterordnen. Diese Anpassung wird schließlich als „Gleichstellung“ bezeichnet. Wirklich gleichberechtigt teilhaben können Frauen also nur dann, wenn sie sich als den „besseren“ Mann verkaufen und familiäre Verpflichtungen bestenfalls keine Rolle im Leben spielen.

Durch Erwerbstätigkeit erhalten Frauen also zwar formal die Chance, sich von ihren Ehemännern zu emanzipieren. Mit der Gründung einer Familie geraten sie damit jedoch buchstäblich zwischen die Fronten einander divergierender Systeme. Frauen sind durch ihre Gebärfähigkeit nicht nur die biologischen Begründerinnen der Familie, sondern bleiben als erste und wichtigste Bezugsperson des Kindes in der Regel automatisch an des familiäre System gebunden. Demgegenüber steht das ökonomische System, welches nach einer gänzlich anderen Logik funktioniert:

Der Arbeitsmarkt ist charakterisiert durch das Kosten-Nutzen-Kalkül und Konkurrenzdenken als Grundprinzipien der Wirtschaft. […] Im Gegensatz dazu benötigt das Familienleben Stabilität und ist ein Ort der emotionalen Zuwendung und Empathie der Familienmitglieder untereinander. Die Werte beider Sphären widersprechen einander nicht nur, sondern machen augenscheinlich, dass all das, was hier das System trägt, es dort zum Scheitern bringt.“ (Tazi-Preve 2017, S.77f)

Tazi-Preve kommt daher zu dem Schluss, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf innerhalb des kapitalistisch verwertenden Arbeitsmarktsystems überhaupt nicht möglich ist. „Der kontinuierlichen Fürsorge, emotionalen Zuwendung und Betreuung von Familienangehörigen steht eine auf Flexibilität, Leistung und Effizienz abgestellte Arbeitswelt [unvereinbar] gegenüber“ (S.89). Dabei ist der Kern familienpolitischer Bemühungen stets die Anpassung der familiären Sphäre an die ökonomischen Bedingungen, wobei sich inzwischen selbst die allerjüngsten Mitglieder den Arbeitsmarktanforderungen unterordnen müssen. Tazi-Preve spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Ökonomisierung des Sozialen“ oder der marktwirtschaftlichen Durchdringung des Privaten (S.90).

Da Familie und Arbeitsmarkt der historischen und strikten Trennung von Produktion und Reproduktion folgen, steht die erwerbstätige Mutter vor einem Dilemma. Dabei wird sie unweigerlich zur gesellschaftlichen Projektionsfläche dieser schizophrenen Situation. Darin bewegen sich die Mütter in einem permanenten Spannungsfeld zwischen „Rabenmutter“ und „Übermutter“, in dem es ihr beinahe unmöglich ist, eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Hinzu kommt, dass die Struktur der Kleinfamilie Fürsorge zur Individualisierten Aufgabe macht. Statt die Sorge mit anderen zu teilen, muss die Hauptbezugsperson des Kindes, in der Regel die Mutter, diese isoliert von ihren Mitmenschen ausüben. Das führt nicht nur zu einer Entsolidarisierung der Mütter untereinander, wobei um das richtige Konzept von Mutterschaft gestritten wird, sondern auch zu einer unbefriedigenden und belastenden Situation für Mutter und Kind. Die einzige Lösung, die man ihr dabei anbietet, lautet Fremdbetreuung. Fürsorge wird auf diese Weise vielfach zu einer emotionslosen Dienstleistung, die selten noch etwas mit mütterlicher Zuwendung gemein hat.

Die Emanzipation der Frau erweist sich damit unter patriarchalen Bedingungen als Falle für die Mütter. Darin können sie weder sich noch der Gesellschaft gerecht werden. Warum dies jedoch kein natürlicher Zustand ist, sondern eine Folge des modernen Patriarchats, möchte ich mit den Worten der Anthropologin Barbara Schweder aus ihrem Buch „Mutterliebe“ (2008) verdeutlichen:

Die moderne Arbeitswelt stellt Mütter vor eine neue Art von Entscheidung. Über viele Millionen Jahre der Menschwerdung waren Beruf und Kindererziehung eins. Eine Frau war vor der Entbindung ihres Kindes Sammlerin und sie war es auch danach. Es gab keine Entscheidung, die getroffen werden musste. Nicht nur der Arbeitsplatz blieb selbstverständlich der gleiche, auch Kollegen und Freundeskreis waren dieselben. In der Truppe sammelnder Frauen waren Nachbarinnen, Tagesmütter, Kindergärtnerinnen und Großmütter immer mit von der Partie. Wurde die Last zu schwer, waren genug helfende Hände bereit, der jungen Mutter unter die Arme zu greifen.

Die beiden extremen Formen der heutigen Kleinkindbetreuung hatten mit unserer Stammesgeschichte keine Entsprechung. Eine Mutter, die mit ihrem Säugling 24 Stunden am Tag alleine in ihren vier Wänden verbringt, fern von der Großfamilie, fern von Freundinnen und Kolleginnen, ausgesperrt von dem Getriebe der Gesellschaft und buchstäblich mutterseelenallein auf sich gestellt, gab es genauso wenig wie jene Mutter, die schon den Säugling stundenlang in Fremdbetreuung gibt, um weitab von diesem und seiner Betreuung einer vollberuflichen Tätigkeit nachzugehen. Eine Aufrechnung, welche dieser beiden Frauen nun den natürlicheren Weg gewählt hätte, macht so gesehen überhaupt keinen Sinn. Die arbeitende Mutter und jene, die sich exklusiv um das Kind kümmert, waren früher ein und dieselbe Person.

Wie kommen Mütter nun aber aus dieser Falle wieder heraus? Viele Frauen versuchen einen Mittelweg zwischen Erwerbstätigkeit und Mutterschaft zu finden, um irgendwie beide Sphären miteinander zu verbinden. Dabei ist Teilzeitarbeit die meist gewählte Form der Beschäftigung. Doch gerade dieser „Spagat“ führt eben nicht zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit. Nicht nur, weil er zu einer Doppelbelastung der Frau führt, sondern weil sie damit weiterhin sozial-ökonomisch benachteiligt ist. Deckt das Einkommen dann noch nicht einmal den Lebensunterhalt, so geraten Mütter mit dem Status als „Zuverdienerin“ wieder zurück in ein Abhängigkeitsverhältnis. Dabei sind die beiden anderen extremen Optionen, Nichterwerbstätigkeit und Vollerwerbstätigkeit, für die allermeisten Mütter noch unbefriedigender oder erst gar nicht möglich. Wollen wir also nicht zurück in die „Nur-Hausfrauen-Rolle“, jedoch trotzdem eine Mutter bleiben, die überwiegend selbst für ihr Kind sorgt, haben wir gar keine andere Wahl, als uns zu „zerreißen“. Wohin das unter Umständen führen kann, belegen die Zahlen des Müttergenesungswerks, nach denen zuletzt 2,1 Millionen Mütter in Deutschland „kurbedürftig“ waren.

Innerhalb dieser Verkehrung, kann es der Frau/Mutter gar nicht gelingen, eine gleichwertige Stellung innerhalb der Gesellschaft ein zu nehmen, da sie durch ihre Gebärfähigkeit unauflösbar mit den natürlichen Lebenszusammenhängen verbunden ist.

Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade Mütter bzw. jene Menschen, die Fürsorge in der Gesellschaft leisten, systematisch diskriminiert und ausgebeutet werden. Wir leben in einer Welt, in der die Fürsorge, das wichtigste Element im Leben eines jeden Menschen, zur lästigen Pflicht oder unterbezahlten Tätigkeit verkommen ist. Dabei ist die Unterdrückung von Mütterlichkeit eines der zentralen Aspekte des Patriarchats, dessen Wertesystem auf einem Konkurrenz- und Herrschaftsprinzip aufbaut. Hier ist nicht jener produktiv und wertvoll, der natürliches Leben schenkt und erhält, sondern jener, der es zerstört und durch etwas künstliches ersetzt. Innerhalb dieser Verkehrung, kann es der Frau/Mutter gar nicht gelingen, eine gleichwertige Stellung innerhalb der Gesellschaft ein zu nehmen, da sie durch ihre Gebärfähigkeit unauflösbar mit den natürlichen Lebenszusammenhängen verbunden ist.

Wege aus dem Patriarchat

Die Entdeckung Afrikas als Wiege der Menschheit, gab einst der schwarzen Bevölkerung in Amerika das notwendige Selbstbewusstsein für ihre Bürgerrechtsbewegung. Demnach stammt die gesamte Menschheit auf der Erde von Vorfahren aus Afrika ab. Dunkelhäutige Menschen gehören also nicht zu einer „anderen (minderwertigeren) Rasse“, vielmehr stellen sie die ursprünglicheren Menschen dar, aus denen sich erst die helleren Hauttypen entwickelten. Aus dieser Selbsterkenntnis entwickelte sich schließlich das Bewusstsein für das besondere Unrecht, das in ihrer Unterdrückung liegt. Und so können wir auch davon ausgehen, dass unser aller Urmutter dunkelhäutig war. Damit gehört der weiße Gottvater, zu dem die Christen heute beten, für mich zu der vielleicht dreistesten Lüge der gesamten Menschheitsgeschichte.

Religion war weiblich über Zehntausende Jahre unserer Urgeschichte hinweg. Die Verdrängung und Unterdrückung der Gottmutter bis zu einem Punkt, an dem ihre ursprüngliche Bedeutung fast vergessen und nur noch erahnt werden kann, geht eine grausame Geschichte der Gewalt, Verfolgung und Ermordung an Frauen voraus. Dabei ist es für das Bewusstsein der Frau und der Frauenbewegung insgesamt entscheidend, die eigene (Vor-)Geschichte zu kennen und aufzuarbeiten. Wir brauchen einen Feminismus, dem es gelingt, Weiblichkeit aus einer selbstbewussten Perspektive heraus zu betrachten. Einen Feminismus, der die zentrale Bedeutung der Frau als Lebensspenderin und Bewahrerin wieder zurück in das gesellschaftliche Bewusstsein rückt. Einen Feminismus, der seinen Namen verdient. Der erste Schritt zur Befreiung der Frau/Mutter liegt daher in der Wiederentdeckung des weiblichen Selbstwerts und der konsequenten Hinterfragung des patriarchalen Mutterbildes. In einem zurückgewonnen Bewusstsein von Gott der Mutter, die anstelle des Vaters, am Anfang menschlicher Kulturgeschichte stand.

Dabei steht die Mutter selbstverständlich nicht nur am Anfang der menschlichen Kulturgeschichte, sondern auch am Anfang eines jeden Menschen selbst. Als erste Antwort auf dessen früheste Bedürfnisse am Beginn des Lebens. Ihre Liebe und Fürsorge bildet die Basis für jede weitere soziale Beziehung im Leben eines Menschen. Inzwischen wissen wir aus Ergebnissen unterschiedlichster wissenschaftlicher Disziplinen, dass die Qualität der Mutterbeziehung auf das Leben des Kindes einen entscheidenden Einfluss nimmt. Wie gut oder schlecht sich eine Mutter an ihr Kind binden kann, ist widerum von ihrem sozialen Umfeld, ihrer eigenen Sozialisation und ihrer emotionalen Verfassung abhängig. Dabei wissen Psychologen schon lange, dass ein gestörtes Verhältnis zur Mutter destruktive Gefühle und Verhaltensweisen im Erwachsenen auslösen kann. Hinzu kommt, dass die eigene (unterdrückte) Mutter, modernen Frauen kaum mehr ein Vorbild sein kann, selbst wenn die Beziehung scheinbar stimmt. Das ist vielleicht auch die Erklärung dafür, weshalb sich der Feminismus der letzten Jahrzehnte so stark an den Männern orientierte.

„Es geht um die Rückgewinnung der Achtung unserer Mutter, als jene, die uns das Leben schenkte.“

In der Überwindung des Patriarchats geht es also weder darum, die Frau an die Stelle des Mannes zu setzten, noch sie dem Manne gleicher zu machen. Es geht noch nicht einmal um die Mysthifizierung und Verehrung der Mutter als Göttin. Vielmehr muss es darum gehen, ein neues Verhältnis zur eigenen Mutter zu entwickeln. Es geht um die Rückgewinnung der Achtung unserer Mutter, als jene, die uns das Leben schenkte. Als jene, die uns versorgte als wir von ihr abhängig waren und bedingungslos liebte. Als jene, die uns durch ihre Sprache und ihr Handeln die Welt vermittelte. Als jene, bei der wir Trost fanden und an deren Seite wir vertrauen konnten. Es geht um ein Verhältnis, das den Körper der Frau respektiert und ehrt, als den heiligen Ort, an dem wir alle entstanden sind. Es geht um die Überwindung eines Wertesystems, welches die Mütter in unserer Gesellschaft nach wie vor in die Bedeutungslosigkeit verbannt und Fürsorge insgesamt geringschätzt. Ein Wertesystem, das unsere Geburt, die erste und vielleicht eindrücklichste Erfahrung auf dieser Welt, in einen Gewaltakt verwandelte. In der Überwindung des Patriarchats geht es darum, mütterliche Liebe als wichtigstes Prinzip menschlichen Handelns zu begreifen. Es geht um die Bildung einer mütterlich-familiären Kultur, die die Bedürfnisse des Kindes/Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht die eines lebensfeindlichen ökonomischen Systems, dessen Gott der Mutter als Feind gegenübersteht.

Ist es nicht offensichtlich, dass in der Geringschätzung der Mutter als Lebensspenderin und der Abwertung mütterlicher Fürsorge, der Grund dafür liegt, wie wir unsere „Mutter Natur“ behandeln? Dass uns der männlich-menschliche Fortschritt mit seinen Technologien und seinen wissenschaftlichen Disziplinen in eine Situation führte, in der er selbst zu einer gigantischen Bedrohung für das gesamte Leben auf dieser Erde wurde? Dass in der Verachtung mütterlicher Prinzipien und Fähigkeiten, eine Verachtung des Lebens selbst liegt? Die Verdrängung der Mutter in Religion, Mythologie und Psychologie hat dazu geführt, dass sich der Mensch in doppelter Hinsicht von seinen eigenen Wurzeln abschnitt. Das gilt für Frauen ebenso wie für Männer. Heute sind wir bereits auf dem besten Weg, sie auch real durch eine künstliche Gebärmutter zu ersetzen. Das künstlich erschaffene Leben als Krönung des Patriarchats und Ende unserer letzten Verbindung zur Natur. Es ist daher aller höchste Zeit, die ursprüngliche Verbindung zu unserer Mutter wieder auf zu nehmen. Und darin liegt auch eine gute Nachricht: da wir alle (noch) eine Mutter haben bzw. hatten, können wir sofort damit beginnen.

Schreibe einen Kommentar zu blog Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.